Machtvoll brauste draußen der Frühlingssturm.
Wir vermaßen unser Land für dieses Jahr und teilten es wieder ein in Mehdeland und Weidefenne. Diesmal gab’s Widerstreit unter den Warfbohlsgenossen. Auch der Bohlskurator war machtlos. Wer nicht ganz und gar in unsere verwickelte Halligwirtschaft eingeweiht ist, nicht mit Kopf und Kragen drin steckt in den schwierigen Berechnungen der Mehde- oder Mählandsverteilung, der muß seine Finger davon lassen. Kein kniffliger Jurist des Festlandes, den man heute herriefe, wäre dazu imstande. Aber unser »Dreimännerschiedsgericht« hat entschieden, und wir haben uns dem Spruche gebeugt. Jeder bekam seine »Schifften«, die nach Größe und Lage jährlich wechselnden Parzellen, zugewiesen.
Ich lese gern die »Fennbriefe« und das Mehdebuch. Uns Halligleuten ist darin alles verständlich, aber Festlandsratten möchten wohl kopfschütteln und wunnerwarken über das närrische Zeug, das sich Halliglandverteilung nennt.
Wir hatten einen nicht zu regennassen und leidlich warmen Frühling, und so stand am Johannistag das Gras einen Fuß hoch. Wir reinigten es sorgfältig von allen Muscheln und andern Einflüssen der See, und dann begann das Mähen. So reich war der Segen, daß wir fremde Arbeiter mieten mußten, die mit ihrem Vormähder rasche Arbeit taten. – Wie wonnevoll waren Juni und Juli! Die liebe Hallig in ihrem Festkleid! Köstliche Blumen, unzählbar wie die Sterne des Firmamentes waren darin eingewirkt. Alles atmete würzigen Duft, und die Bienen sogen den köstlichen Hallighonig heraus, unvergleichlich in seiner herben Süße. – Dazwischen weidete das stattliche Vieh. Breitgestirnte Rinder und wollige Schafe. Die Möwen lachten in blauer Luft oder ließen sich nieder mit klingendem Klageruf. Den Lerchen lauschte ich und konnte mich nicht satt sehen am flugsicheren Austernfischer. Der Rotschenkel rief mit abwärts gestelltem Flügel »Gülü, gülü«, und warb sein Weibchen. Und als die Jungen ausflogen, jauchzte er »Tjü, tjü«! Ach, wer »vogelsprachekund und weisheitsfroh wie Salomo« wäre!
Unser Fischgarten im abfließenden Priel bot andere Arbeit. Wir verbanden Holzsticken mit Bindfaden zu einem langen Leitwerk. Die Spitze ließen wir in einen Hamen ausmünden. Nun tummelten sich während der Flut die Fische in den Watten, doch mit der Ebbe flüchteten sie sich in den großen Winkel des Priels. Da konnten sie nicht durch, und die Fischer hatten reichen Fang. Ich stand dann gern neben meinem alten Nachbar und Bohlsgenossen Momme Mommsen, der vor jedem Fischzug die Hände faltet: »Du bist der Herre Jesu Christ, dem Wind und Meer gehorsam ist. Drum halt in Gnaden deine Hand auch über unsern Fischerstand.«
Saß ich aber oben auf der grünen Bank neben dem Schulhause und schaute von meiner Höhe hin über die Fennen, denen die bereits gemähten Streifen einen eigenartigen Farbenreiz gaben, oder schaute ich auf die Nordsee, die zur Flutzeit die ganze Hallig so innig in ihren umschlingenden Armen hielt und unzählige Gräben mit Wasser füllte, daß sie wie Silberfischlein die Wiese durchglänzten, dann wurde mir das Herz groß und weit und der Herrgott zog ein.
Das gab Stunden, wo ich nicht einmal dich vermißte, Nomine Holgers. –
Viel Mühe schaffte uns das Einbringen des Heues. Auf der höchstgelegenen Stelle der Fennen muß es geschichtet werden, damit die See es niemals erreichen kann. In langen Streifen wurde es zusammengerecht und in großen Laken von den Frauen und Mädchen zur Dieme getragen. Da dachte ich wieder an dich, Nomine Holgers, du Schöne! Hätte ich dich sehen dürfen als echte Halligtochter, das schmucke Bündel auf deinem Haupte tragend, mit deinen weißen, vollen Armen der Last das Gleichgewicht gebend …
O Nomine! Wie eine Königin wärst du geschritten, ich weiß es. Und ein glückseliger Mann hätte einige Tage später seine Ernte eingefahren. In seinem Hause hätte er sie zum festen Klampe aufgeschichtet. Und du hättest ihn am Hause empfangen. Du! Seine Königin – die ihm die Ruhe brachte und den Feierabend …