Die Schwarzhausener waren heute alle in der Kirche, und der alte Herr Pfarrer Klingenreuter lächelte fein, als er die Kanzel bestieg.
Er hatte halb Schwarzhausen getauft, konfirmiert und getraut, er kannte seine schwarzen und weißen Schäflein als getreuer Hirte. Er sah durch ihre fromm emporgerichteten Stirnen in ihre unfrommen Gedanken. Und predigte sehr schön und höchst unbequem heute vom Splitter im Auge des Nächsten und vom Balken im eigenen Auge. Man war nicht befriedigt. Vom Hören nicht und auch vom Sehen nicht. Denn der Kirchenstuhl der Eik von Eichens blieb leer, und Fräulein Adelgunde, die nach dem schweren Schlaganfall eigentlich auf dem Schragen liegen sollte, saß am Fenster und häkelte ihre bekannte Gardinenspitze, von der Böswillige behaupteten, sie ginge schon um das ganze Fürstentum herum. –
Es ward ein höchst langweiliger Sonntag vom Morgen bis zum Abend. Denn man hatte gehofft, wenigstens an einem der Fenster des »Eichenhauses«, wie es kurzweg genannt wurde, einen Schatten von Franziska Malcroix oder ihrem Sprößling zu sehen, und vom Mittagessen an pilgerte ganz Schwarzhausen dort vorbei, – vergebens. Nur der alte Teichmann, der so unverständig war, nie einen Ton über seine Herrschaft zu sagen, der er seit fünfzig Jahren diente, – ihn nur erspähte man. Er saß auf seinem bekannten Platz, auf einer der steinernen Bänke im Grashof, hatte sich das stadtbekannte Luftkissen untergeschoben, welches seit zehn Jahren schadhaft war und von der guten Frau Teichmann unentwegt aufgeblasen wurde. Man fürchtete sich etwas vor Hieronymus Teichmann, denn man begriff immer noch nicht seine wunderliche Art zu reden, trotzdem er schon als zehnjähriges Kind derselbe Reimschmied gewesen war. Ja, die verstorbene Hebamme von Schwarzhausen behauptete unter ihrem Eide, er sei »mit’n Versch« auf die Welt gekommen.
Was sie damit sagen wollte, verstand niemand, aber unheimlich war’s.
Nur Fräulein von Bebeleben, eine der zwanzig Stiftsdamen des adligen Klosters Schwarzhausen, fürchtete sich nicht vor ihm und überhaupt vor keinem Menschen und keinem †††.
Deshalb stelzte sie mit großen Schritten in den Grashof, und nun stand sie vor dem ungeheuer pfiffig Dreinschauenden.
»Warum waren Sie heute nicht in der Kirche, Teichmann? Es könnte Ihnen doch wahrhaftig nichts schaden, sich mit unserm Herrgott ein bißchen auf du und du zu stellen.«
Die Antwort war unbefriedigend.
»Bei allem Respekt vor der Heiligkeit,« meinte Teichmann bedächtig, »ich hatte dazu heut keine Zeit, und wo soviel Schafe im christlichen Stall, kann so’n alter Hammel wohl fehlen mal, der liebe Gott ist ’n braver Mann, aber ich schau’ ihn ganz gern von ferne an.«
»Ketzer!« rief die Stiftsdame entsetzt und wendete ihm den Rücken. Da lachte der alte Teichmann wieder sein feines, pfiffiges Lachen und nahm sein geliebtes Buch vor seine große Hornbrille, das Buch, das er Sonntags kaum aus den Händen legte, – das Neue Testament.