»Ja wahrhaftig! Da kann man auch sagen: ›Viel Lärm um einen Eierkuchen‹,« rief Frau Großschlachter und Hoflieferant Bentel. Sie konnte das Sprichwort auch französisch sagen und hätte es brennend gern getan, aber sie wußte nicht genau, ob es »un« oder »une omelette« hieß, und so unterließ sie es lieber. Manche Menschen waren so »penniebel« in so was, und sie wollte ihren Ruhm als gebildete Frau, die in »Penksion« gewesen, nicht einbüßen. –
»Und das sollen wir uns gefallen lassen?« Diesmal waren es mindestens sechs aufgeregte Damen, die Antwort auf diese Frage heischten.
Die Bürgermeisterin zuckte die Achseln.
»Was sollen wir tun?« fragte sie dagegen. »Die Rektorschule ist Privatsache, und der Organist sollte auf alle Fälle pensioniert werden, weil ein Bericht über ihn gekommen ist, daß er heidnische Gesänge in der Kirche spielt. Also, sagt mein Mann, wir täten klug, wenn wir ihn einfach gehen ließen. Solchen Musiknarren ist überhaupt nichts zu beweisen. Die halten manchen Kram für hochheilig, vor dem man sich eigentlich bekreuzigen sollte.«
»Was sagen Sie denn eigentlich zu dem allen, Fräulein Windemuth? und was sagt Ihre Kleine?« wandte man sich jetzt an die eifrig stickende und zählende »Base Juliane«, die sich noch mit keinem Worte an der Unterhaltung beteiligt hatte, teils weil sie für den Professor ein Paar Schuhe stickte mit schwierigem Muster, teils weil ihr der Vetter eingeschärft hatte: »Halt lieber den Mund in der Kaffeeschlacht. Es geht uns nichts an, und der Kleine war doch mal Liselottes Freund.«
Sie warf jetzt auch nur einen Blick gen Himmel und rief: »Ich sage gar nichts.«
Aber dieser Himmelblick und ihr übereifriges Weitersticken redeten ganze Bände und stellten sie sozusagen über die Parteien.
Wenn Base Juliane, die allzeit Redegewandte und Redelustige, schon schwieg, wie entsetzlich mußte da die Wirklichkeit sein, – und was mußte sie mit dem altklugen, kleinen Mädchen erlebt haben, das von allen Schwarzhäuser Kindern das einzige war, das sich nicht entblödet hatte, mit Bertold Malcroix zu spielen.
Aber Base Juliane empfand mit einem Male ihre Schweigsamkeit als etwas Entehrendes. Wo jeder seinen Senf dazu gab, sollte sie, die Base des angesehenen und gelehrten Professors, alle schmackhaften Gewürze für sich behalten? Sie grübelte und grübelte, welche von den vielen pikanten Geschichtchen aus dem Hause Eik, die sie als verbürgt von maßgebender Seite vernommen, sie wohl zum besten geben könnte, aber immer sah sie die ernsten Augen des Vetters Windemuth vor sich und begnügte sich deshalb mit der Bemerkung: »Ihr Bild wollte sie ihm durchaus zum Abschied schenken, – die Liselotte nämlich, – wir waren beim Photographen gewesen und gestern kamen die Bilder, – sie hat ’n weißes Spitzenkleidchen an mit rosa Schärpe, – bildschön – und auch teuer genug – die Bilder nämlich, aber das Kleid auch – und da sagte ich: ›Um Gottes willen, Liselotte, doch bloß so was nicht tun, da kann man ja wohl noch mal ins Verbrecheralbum kommen mit dem Jungen‹.«
Das war stark! Aber Base Juliane war als furchtlos bekannt, und man freute sich, von angesehener Seite etwas gehört zu haben, was Hand und Fuß hatte, und das man abends überall wiedererzählen konnte, ohne das bekannte Siegel der Verschwiegenheit zur lästigen Bedingung zu machen. –