Doktor Hempel schüttelte sich.
»Gib mir’n Kognak, liebe Alte! Brrr! Ich muß gleich nachher wieder hinüber. Jetzt ist der Pfarrer dort. Aber dem wohnten auch ›zwei Seelen, ach, in seiner Brust‹, – – ich möchte nicht die Beichte des Herrn Baldamus abhören – – –.« Und der Doktor schüttelte sich noch einmal.
Am nächsten Abend war alles vorüber. – – –
Der junge Bertold konnte sich später, als er zwischen seinen beiden treuen Begleitern im Arbeitszimmer zu E. saß, nur weniger Einzelheiten erinnern, so rasch war alles gegangen. Aber die wenigen Einzelheiten saßen um so fester, teils weil sie so schrecklich und traurig und teils, weil sie so wunderlich süß waren.
Der Abschied von seinem Mütterchen, das war das Herbste an dem Ganzen und der Knabe konnte nicht einmal darüber weinen. Denn in seinem tiefen Empfinden und frühreifen Nachdenken meinte er, er müsse all seine eigenen Tränen noch für sein Mütterchen aufheben, die sonst am Ende mit heißen, trockenen, brennenden Augen dasäße, – soviel weinte Mütterchen jetzt.
Aber Bertold wußte wenigstens seit seiner Abreise, daß Mütterchen nicht über ihn selbst weine, über seinen greulichen Jähzorn und seine unheilvolle Tat, sondern hauptsächlich über die schlimmen Menschen, die ihn dazu gebracht und nun so häßlich und verstockt und richtend dastanden.
Auch der letzten Unterredung mit dem Großvater erinnerte er sich. Man konnte dies Beisammensein wohl eigentlich nicht »Unterredung« nennen, es war mehr ein Kampf gewesen. Wer war der Unterliegende darin? Der junge Bertold wußte es nicht. Vielleicht war er es selbst, denn man hatte ihn ja nach E. geschafft, und hier mußte er nun bleiben, – ohne Mütterchen. Aber in den Augen des harten Großvaters hatte etwas gelegen, – Bertold wußte es nicht sicher zu deuten, etwas Müdes, etwas, das den jungen Enkel beinahe veranlaßt hatte, zu sagen: »Stütz’ dich auf mich, Großvater, ich bin stärker als du!« War man aber unterlegen, wenn man sich so stark fühlte? –