»Wir müssen den Jungen auf andere Gedanken bringen,« meinte Rektor Tüllen und sah sorgenvoll auf Bertold Eik. »So sieht doch kein Kind aus! Kein Zehnjähriger! Lieber Brennstoff, wir haben eine schwere Verantwortung!«
»Das weiß ich, Rektor! Aber ich glaube, dies verträumte Hinstarren hat einen Grund, der uns keine Sorge zu machen braucht. Er denkt an Beethoven! Welch ein Umschwung seiner Verhältnisse! Aus der Wüste des musik- und geigen-, kurz des tonlosen Daseins, plötzlich in eine Oase des ungestörten Harmoniegenusses versetzt zu werden, muß ja etwas Überwältigendes haben.«
Aber Rektor Tüllen teilte nicht die Ansicht des poetischen Brennstoffs, und sein Antlitz blieb sorgenvoll.
Bertold aber sann weiter, und wie er alle Erlebnisse in seine Herz- oder Gehirnkämmerchen verteilte, trat ein gespannter, frühreifer Ausdruck auf sein schmales Jungengesicht.
Wie sie alle entsetzt gewesen waren im Eichenborn, als der Onkel Baldamus starb. Und er selbst, Bertold, hatte nur einen Gedanken gehabt und ihn auch gleich ausgesprochen: »Mütterchen, nun kann er dich nicht mehr quälen!«
»Still, o still!« hatte die Mutter erwidert, aber in ihrem ganzen Wesen lag doch etwas wie aufatmende Zustimmung. O Bertold sah viel, – sah mehr, als andere sahen. Und sein Ohr war scharf, schärfer als das der anderen, hätte es sonst wohl den halberstickten Hilferuf vernommen, der damals aus Mütterchens Zimmer kam? Wie der Wind war er aus seinem Bette gesprungen und von dort gleich durchs Fenster auf das platte Dach, und von dort hatte er durch das offene Balkonfenster in Mütterchens Zimmer geschaut. Sie hatte noch Licht gehabt, – mitten in der Nacht. Armes Mütterchen, gewiß las sie wieder stundenlang in des verstorbenen Vaters Briefen – – –
Aber das Licht stand nicht an ihrem Bett – das flackerte auf dem Ofensims nahe der Tür und – Mütterchen rang mit jemand – rang mit Onkel Baldamus.
Oh – jetzt in der Ruhe kam die Erinnerung wieder klar über Bertold, – damals ging alles so furchtbar schnell. Der Jähzorn war über ihm zusammengeschlagen, als er sein Mütterchen in Gefahr sah. Als ihm die volle Besinnung wieder kam, da hatte ihn Onkel Baldamus schon vor den Großvater geschleppt, und da sollte er angesichts des heftig blutenden Baldamus Eik gezüchtigt werden. Warum hatte Großvater es nicht getan?
Mütterchen hatte sich zwischen ihn und Großvater geworfen und ihn verteidigt, – o wie seltsam hatte Mütterchen ausgesehn! Viel weißer und starrer und seltsamer, als damals, da man Bertolds Vater tot ins Haus brachte.
Und Onkel Baldamus hatte auf einen gebietenden Wink des Großvaters das Zimmer verlassen müssen, und Bertold hatte ihn nicht wieder gesehen.