Dann schlich man auf leichten Sohlen durch den Eichenborn, denn Onkel Baldamus war todkrank. Und auf alle seine, Bertolds, Fragen an das Mütterchen: »Ist er von dem kleinen Biß krank, Mütterchen? Der so blutete? Bin ich schuld? Was wollte er dir tun?« da hatte die Liebste immer nur geantwortet: »Still, o still! Nicht fragen, mein Liebling!« Und sie hatte ihn auf die Augen geküßt, daß er sie schließen mußte und seiner Mutter blasses Antlitz nicht mehr sah. –

Dann waren seine Koffer gepackt worden, und Frau Thereschen Teichmann hatte Betten verschnürt, und sein ganzes Jungenzimmer war auf einen Wagen geladen worden und stand nun hier in der fremden Stadt E.

Wenigstens hatte man ihn nicht allein ziehen lassen.

Zwei so gute, treue Freunde, Mütterchens Freunde, waren mit ihm gegangen. Und sie sahen ihn nicht mit häßlichen, beobachtenden Augen an, wie alle die andern Leute in Schwarzhausen, sie redeten lind auf ihn ein, daß er nicht schuld sei an Herrn Baldamus’ Tode – – sie waren gut, – gut. –

Und noch jemand war gut. Ein kleines, blondlockiges Mädchen, das er, Bertold Eik, bestohlen hatte. Ja, es nützte gar nichts, daß er sich vor sich selbst entschuldigt hatte: »ich habe sie ja gefunden,« oder, »es ist ja nur Puppe Emmy ohne Kopf,« er war doch ein ganz abscheulicher Junge, er war wirklich ein »schlechter Kerl«.

Aber er hätte Puppe Emmy um die Welt nicht herausgeben können, – etwas mußte er sich aus dem Eichenborn hinüber retten in die fremde Stadt.

Und nun, – als er am Bahnhof in Schwarzhausen mit seinen beiden Beschützern aus dem Eikschen Wagen gestiegen war, hatte sich im Gedränge der Reisenden die Liselotte an ihn gedrängt, – gute Liselotte! – und hatte ihm hastig und sprudelnd zugeraunt: »Ich darf ja nicht mit dir reden, – aber ich tu’s, weil du doch so weit fortgehst. Da – nimm! Es ist mein Bild. Steck’s ja nicht ins Verbrecheralbum, sonst schimpft die Base Juliane. Dies hat mir der Photograph geschenkt, – weil’s verdorben war, – ich habe gewackelt, es kam gerade Musik vorbei. Ade, ade, ade!«

Oh, Bertold wußte noch Wort für Wort. Dann war sie davon gesprungen, aber ihr Händchen hatte ihm wohl zehnmal noch zugewinkt, und er selbst war wie angewurzelt auf einer Stelle stehen geblieben, bis ihn Rektor Tüllen aus seiner Versunkenheit rüttelte.

Wie im Traum war er in den Zug eingestiegen und hierher gefahren. Zu tiefst in seinem Reisekoffer ruhte Puppe Emmy, er hatte sie gleich hervorgeholt und unter sein Kopfkissen gelegt, dort hatte sie Rektor Tüllen gefunden.

Aber Bertold verriet mit keinem Wort, woher das kleine, unförmige Bündel stammte, und man ließ es ihm stillschweigend.