Jetzt holte er es plötzlich sacht hervor und legte es vor sich auf den Tisch. Und aus der Brusttasche holte er das Bildchen der Jugendgespielin, legte es daneben und betrachtete es aufmerksam. Ja, Liselotte hatte wohl gewackelt. Er nickte dem Bildchen ernsthaft zu und fand es ganz in der Ordnung, daß es zwei Köpfe zeigte, denn Puppe Emmy hatte ja gar keinen. Und plötzlich raffte er Puppe und Bild an sich und legte seinen schwarzen Lockenkopf fest – fest darauf.
»Er weint,« sagte Rektor Tüllen leise und winkte dem Organisten.
Dann war der Junge allein mit seinem tiefen, tiefen Heimweh. –
In Schwarzhausen waren alle Fenster der kleinen und großen Häuser besetzt, die an der Hauptstraße standen. Es lohnte sich wohl, heute einmal alles stehn und liegen zu lassen und nur zu schauen. – Was nicht an den Fenstern stand, das kam aus den Nebenstraßen herangeschritten und stellte sich dicht an die Häuser in langen Reihen. Die Mütter hatten ihre kleinen Kinder auf dem Arm und die größeren an der Hand. Wo ein Prellstein an der Ecke stand, hob man eine kleine Person hinauf und besonders wagehalsige Buben saßen sogar in den Bäumen.
Herr Baldamus Eik von Eichen wurde zu Grabe getragen. –
Das war draußen auf dem neuen Friedhof für ihn ausgeschaufelt, wo es noch recht kahl und unwirtlich aussah; aber er hatte es verschmäht, als der »Frömmsten und Gerechtesten einer« in das Erbbegräbnis der Eiks aufgenommen zu werden, wo gar zu viel wilde Gesellen drin moderten und sogar ein paar heidnische Urnen standen; denn drei seiner Vettern hatten sich in Gotha verbrennen lassen und der alte Eik hatte bereits dieselbe Bestimmung getroffen, wenn er einmal mit Tode abgehen würde. Aber das heutige Begräbnis war wirklich etwas für Herz und Gemüt. Dieser prachtvolle, gelbe, silberbeschlagene Eichensarg, der beinahe verschwand unter Lorbeer und Rosen, die Träger nebenher bis an die Nasen in teuren Krepp gewickelt und mit Zitronen in den Händen, die Kirchenjungen in schwarzen Mäntelchen, die Stadtkapelle mit Hofmusikus Kniller an der Spitze, dessen rote Nase heute das einzig Leuchtende in dem schwarzen Zuge darstellte. Und die ungeheure Menge Leidtragender! Und die stattliche, unabsehbare Reihe leerer Staatswagen hinterher, deren Kutscher sämtlich florumhüllte Peitschen trugen.
Man mußte selbst als unbeteiligter Zuschauer herzbrechend weinen, denn so ungeheure Liebe und Verehrung für den hochangesehenen Toten können und müssen überwältigen – – –
Hinter dem Sarge fährt ein einzelner Wagen und nach diesem kommen erst die Verwandten, die Geschäftsfreunde und Angestellten der Eikschen Fabrik, dann die lange Reihe der Arbeiter, der »Porzelliner«. Der einzelne Wagen ist die alte Staatskarosse der Eiks und in ihr sitzt Bertold Eik von Eichen senior. – »Ganz allein,« raunt man sich zu, »Franziska Malcroix geleitet den Pflegebruder nicht zur letzten Ruhestätte.«