Fräulein Adelgunde will auch die Musik nicht hören, die so aufdringlich laut mit Pauken, Drommeten und Schalmeien verkündigt: »Horcht alle auf! Hier wird etwas ganz Besonderes zu Grabe getragen, der Gerechtesten einer …«

Sie liest laut aus der großen, alten Familienbibel, die in ihrem Schoße ruht: »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich tönendes Erz oder klingende Schelle«, und sie meint, solch tönendes Erz und solch klingende Schelle sei allzeit der Baldamus gewesen und seine Leichenmusik das Sinnbild seines Lebens.

Aber Tante Adelgunde liest auch in der Bibel: »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet«, und ihr Haupt neigt sich tiefer herab auf das Buch der Bücher, und sie betet zum erstenmal seit dem Tode des Neffen: »Herr, nimm ihn gnädig in dein himmlisch Reich!«

Auch Frau Franziska sitzt allein und auch sie liest, – aber nicht in der Bibel. Ein kleines Lederbuch liegt in ihrer Hand, abgegriffen und viel benutzt. Vergilbte Blätter bilden seinen Inhalt, und sie sind bedeckt mit den feinen Schriftzügen einer Frauenhand.

Dieses Buch hatte Baldamus Eik ihr vermacht.

Sie war, – der Schmach nicht mehr denkend, die er ihr hatte antun wollen, – in sein Sterbezimmer geeilt, da man ihr sagte, der Kranke versuche unablässig ihren Namen zu formen, er könne nicht leben und nicht sterben, wie es scheine, ohne daß er sie noch einmal gesehen.

Als sie zu ihm trat, war ein Lächeln über sein Antlitz gegangen, – ein fürchterliches Lächeln, vor dem ihr graute.

Aber sie hatte sich selbst gescholten und war zu ihm getreten. Und weil sie das Nahen des Todes spürte, beugte sie sich tief über den Kranken und sagte laut: »Ich will vergessen und verzeihen.«

Da war wieder das fürchterliche Lächeln gekommen, und die matte Hand hatte sich gehoben und nach dem Schreibtisch gezeigt. Dort lag das Buch, umwunden mit Seidenband und mit dem großen Wappen der Eiks versiegelt. Die Aufschrift lautete: »Mein Vermächtnis für Franziska Malcroix, geb. Eik von Eichen.«

Erst als sie das Buch in Händen hielt und sich ihm so zeigte, – da wurde er ruhig und legte sich zum Schlafe hin, aus dem er nicht wieder erwachte. Und auf seinem toten, starren Gesicht lag der Ausdruck gesättigten Behagens.