Kleines, liebes und geliebtes Fränzchen! Nie sollst du fühlen, daß ein andrer Schoß, als der meine, dich getragen – – mein Kindchen bist du! – – –
Ein halbes Jahr später.
Gestern sah ich die Großeltern von – meinem Kindchen. Das ist doch ein seltsames Gefühl. Mir war mit einemmal das Fränzchen fremder geworden, – Das sollte doch nicht sein. – Es war auf dem Friedhof, wohin ich so gern gehe, weil er so tief verwachsen die heiligste Ruhe predigt. Aber gestern war auch der Geburtstag der Urahnin und Stammutter der Eiks, und nach alter Familienüberlieferung pilgert an diesem Tage Herrschaft und Dienerschaft nach dem Mausoleum, um Blumen und Kränze niederzulegen. So auch gestern. Ich blieb dann mit Fränzchen noch etwas zurück, trotzdem mich mein Bertold gern mitgenommen hätte. Aber ich hatte zwei Charakterköpfe entdeckt, zwei alte Leute, die an dem Grabe beschäftigt waren, das mir von allen Gräbern am interessantesten dünkte, am Grabe des Selbstmörders: »Gott sei mir Sünder gnädig!«
Bertold zog den Hut, als wir an dem Grabe vorbeischritten, aber die beiden Alten erwiderten seinen Gruß nicht.
Nachdem wir den großen Kranz im Erbbegräbnis niedergelegt, nahm Bertold einen anderen Weg, um heimzugelangen, mir aber war Klein-Franziska entwischt, die sich gern zwischen Eibenhecken versteckt, wenn wir hier weilen. Dem Kinde dünkt der Kirchhof der liebste Spielplatz. – –
Klein-Franziska stand bei den beiden Alten, die so ernsthaft und düster dreinschauen, als habe der Tod des Sohnes jede Sonne von der Erde fortgenommen. Das Kind plauderte lieblich und hielt die Alten bei den Händen, – es ist ein rechtes Sonnenscheinchen und meint, daß jeder Mensch sein bester Freund sei. Beide Altchen sahen unverwandt das Kind an, und dann rang es sich schwer von den Lippen des Alten: »Es gleicht Zug für Zug meiner Tochter, aber es hat die Eikschen Augen«.
»So sind Sie die Großeltern?« fragte ich leise und befremdet, denn Bertold hatte mir gesagt, das Kind sei ohne Anhang, seit seine Mutter gestorben. Über den Nachsatz machte ich mir keine Gedanken, – ich wußte, daß alle mir, der kinderlosen Frau, gern etwas Liebes sagten, und Fränzchens Augen paßten ja auch wirklich in das Eikgeschlecht. Ich grüßte die beiden und schritt tief nachdenklich nach Hause.
Am nächsten Tage.
Wie mit unsichtbaren Händen zog es mich heute wieder nach dem kleinen Friedhof. – – –
»Gott sei mir Sünder gnädig.«