Als das Kind damals die tiefe, wortlose Trauer des Vaters gewahrte, raffte es sich auf, und tausend kleine Aufmerksamkeiten, welche die Verstorbene für den Gatten gehabt, die übernahm nun das Fränzchen mit einer sicheren Liebe, welche den grimmen Eik rührte und zugleich erstaunte. Ganz eng schlossen sich Vater und Tochter aneinander an, und der alte Eik hatte nur die eine Sorge, das Buch, das kleine Buch mit den feinen, zarten Schriftzügen, die doch so furchtbar beredt von seiner Schuld erzählten, vor dem jungen Mädchen zu verbergen. Jahrzehnte lang hatte es in der Schublade seines festen dunklen Schreibtisches geruht, zu dem niemand gelangte, als er allein. Und nun lag es plötzlich vor ihm, und seine Franziska stand so blaß und mit so wehen, anklagenden Blicken im Zimmer, wie einst sein Weib. –

»Wer gab dir das Buch, Franziska?«

»Baldamus Eik.«

Der alte Eik stöhnte auf. »Dieb!« – murmelte er, »Dieb!« Und dann schüttelte ihn der Jähzorn, und wilde, schreckliche Worte und Flüche kamen aus seinem Munde.

»Was siehst du mich so an, Franziska? Was forderst du von mir? Deinen Namen? Deine Mutter? Deine Pflegemutter? – Herrgott, ich habe nichts, – nichts, – ich bin arm, arm – – –«

Franziska sah ihn an, – nicht anklagend, nicht scheu, nicht verachtend. Es wuchs etwas in ihr und blühte auf, etwas, das stärker war als die Schmach und Bitterkeit jener Minuten, da sie das Büchlein las – – ein tiefes, erbarmendes Mitleid mit dem armen Reichen vor ihr.

»Ich will nicht meine Mutter und nicht meinen Namen,« sprach sie leise, aber fest. »Ich will nur endlich meinen Bertold an dein Herz legen und dich bitten: ›Hab uns lieb‹!«

Da schlang der alte Mann beide Arme um sein Kind, und im schweren Weinen löste sich jahrelanges Leid.