Organist Brennstoff hörte dies alles mit wahrer Vaterwonne und nickte begeistert dem Musikdirektor zu, aber Rektor Tüllen setzte gleich einen Dämpfer auf die Geige, auf welcher so hochtönend musiziert wurde.
»Bertold Eik wird nach uralter Familienüberlieferung der Eichens zuerst sein Abiturium ablegen, dann zwei Jahre die Universität Bonn beziehen und darauf ins Ausland gehen. Nach seiner Rückkehr übernimmt er dann Eichenborn und die übrigen ausgedehnten Besitzungen der Eiks – – –«
»Amen!« schrie der aufgeregte Direktor. Er dachte aber nicht »amen«, sondern: »Der Teufel hole diese Familienüberlieferungen!« Mit beiden Händen fuhr er sich durch seine Künstlermähne. »Da schafft nun unser Herrgott mal was nach seinem Herzen, und bläst diesem Goldjungen einen besonders musikalischen Odem in die Nase, – – nützt alles nichts, die Familientradition verhunzt ihm sein Kunstwerk, – ihm, dem großen Schöpfer. Es ist, um gleich aus den Stiefeln zu springen! Wenn der alte Banause von Großvater diesen Jungen durch’s Humanistische schleppt und ihn dann noch die besten Jahre verkneipen läßt, – – dann hätte er ihn gleich zu Anfang seines Daseins versaufen lassen sollen, – wie’n jungen Hund. – Denn der Junge verfehlt seinen Beruf, und sein Beruf ist: Sonne zu geben, Feuer zu entfachen in kalten Herzen, Himmelsfunken zu senden in das dürre Stroh der Verstandsköpfe. – Alles muß brennen, leuchten, glühen, wenn ein wahrer Künstler von Gottes Gnaden geigt, alle Zuhörer müssen durch himmlisches Feuer geläutert werden und geheiligt, Frau Musika aufzunehmen.«
»Amen!« rief Brennstoff und meinte es nun wirklich so und drückte die Hände des Musikdirektors, der noch ganz wild um sich blickte.
An demselben Tage noch ging ein langer Brief an Frau Franziska Malcroix ab, der recht beweglich darstellte, wie es am besten wäre, den lieben Bertold entweder gleich zu Meister Joachim zu geben, oder ihn auf eine andere Schule zu tun, damit er in zwei Jahren, wenn auch keine humanistische, so doch eine andere abgeschlossene Bildung erhielte, die er später als Künstler auf seinen Reisen erweitern könne. Sie schrieben alle Vier. – Der Musikdirektor herrisch in kategorischen Imperativen, denn hinter ihm stand die heilige Cäcilie mit göttlichen Forderungen; der Organist als Kenner der Verhältnisse in Eichenborn um eine Schattierung gedämpfter, aber immer noch beredt genug, um seinen Namen nicht zu verleugnen; Rektor Tüllen mit warmer Bitte, die vielleicht am eindringlichsten in ihrer Schlichtheit war. Bertold fügte nur eine kurze Nachschrift hinzu: »Liebes, liebes Mütterchen, es wäre schön, wenn Großvater und du ›ja‹ sagen möchtet. Aber nur, wenn du es richtig willst, mein Mütterchen!«
Acht Tage warteten die vier Verbündeten in Spannung und Sorge auf die Antwort, und dann kam nur ein kurzer, wehmütig-stiller Brief von Bertolds Mutter zurück:
»Mein Junge! Wenn es dein Beruf ist, Sonne zu geben, so teilst du ihn mit den andern Menschen. Wir sind alle dazu in die Welt geschickt, diese kalte Erde zu durchsonnen. Tut dies ein Jeder auch nur mit dem kleinen Teil, dem heiligen Heimatfleckchen, auf welches Gott ihn gestellt hat, so wird schon viel Wärme geschaffen. Laß uns Deinem Großvater Sonne geben, mein Junge! Dein Wunsch, schon jetzt die Geige als Beruf in die Hand zu nehmen, würde tiefer Schatten für ihn sein. Ich komme bald zu dir! Gott behüte Dich!«
Bertold steckte den Brief ruhig in seine kleine Brieftasche, die er immer auf dem Herzen trug, und zu seinen beiden Freunden, welche mit erwartungsvollen Mienen das Lesen des Schriftstückes verfolgt hatten, sagte er nichts als »Nein«.
Dies tapfere »Nein« wurde von Brennstoff dem Musikdirektor überbracht, der sich darüber weidlich austobte. –