Dies Toben hinderte ihn aber nicht, mit feinstem Verständnis den Knaben weiter zu führen, ihm alles zu geben, was er selbst besaß an technischem Können und tiefer Auffassung, und so reifte Bertold Eik zum Künstler heran, ohne daß man in Schwarzhausen eine Ahnung davon hatte, ja ohne daß er selbst es wußte. Auf diese Weise gab er reiche Sonne in die Herzen der drei alten Hüter seiner Jugend, und seiner Mutter ernste Augen lernten das Lachen. Die Musik und die Natur, – das waren Jung-Bertolds Zerstreuungen, beide gaben ihm Reichtümer und blieben doch selbst unerschöpflich reich und groß.

Die beiden alten Freunde führten ihn mit sorglichen Händen, auf daß Seele und Körper zugleich gediehen, und so kam es, daß gute Schulzeugnisse und schöne Prämien für Bertolds Wohlverhalten nach Schwarzhausen geschickt wurden, von denen aber nur der Großvater etwas erfuhr. Für die Schwarzhausener war und blieb Bertold der geheimnisvolle Tunichtgut und manchesmal des Abends, wenn die Bürger vor ihren Türen saßen und über das Wohl und Wehe der Stadt berieten, legten sie den Finger an die Nase und versuchten ein weises Gesicht zu machen: »Der alte Eik wird immer reicher. Aber ins Grab kann er nichts mitnehmen! Was wird aus dem vielen Gelde, dem großen Besitz und den Fabriken, wenn der schlechte Kerl, der junge Bertold, einmal alles bekommt?«

In den Ferien kam Bertold nicht nach dem Eichenborn und nicht nach Schwarzhausen. Sobald der Schulschluß da war, erschien sein Mütterchen und reiste mit ihm. Sie zeigte ihm das Thüringerland mit all seiner schlichten Schönheit, sie lehrte ihn die Heimat lieben und feste Wurzeln in ihr schlagen. Sie gab ihm hohe Vorbilder in guten, großen Menschen, die alle der Thüringer Mutterboden getragen und genährt, und stählte in ihm den Willen, diesen Großen nachzueifern. – Die Bücher, von Rektor Tüllen und Brennstoff sorglich ausgewählt, wurden nicht mit auf Reisen genommen, – Frau Franziska liebte nicht dies bequeme, elterliche Mittel, Störenfriede auf längere Zeit unschädlich zu machen, – sie erzählte dem Knaben. Durch scharfe, feine, kluge und gute Mutteraugen hindurch lernte er die Märchengestalten, die Helden der Sage und die Großen der Gegenwart, betrachten. Kehrte er dann in die Einsamkeit der großen Stadt und in die seines Studierstübchens zurück, im Herzen noch das Trennungsweh vom Mütterchen, dann holte er sich ein gutes Buch, schaute seine geliebten Helden mit geschärftem Verständnis und ließ sich von ihnen wieder zur Mutter führen. Für Bertold war ja sein Mütterchen der größte und liebste Held. Sie litt körperlich viel und sah oft leidend aus, aber sie klagte nie, sie litt seelisch unter dem gewiß oft harten Großvater und schien viele, ach so viele trübe Erinnerungen zu haben, aber immer erzählte sie Gutes und Liebes vom Eichenborn und seinen Bewohnern, so daß Bertolds Heimatliebe wachsen und erstarken konnte. Die Mutter predigte nicht langweilige Moral, sie lebte alle ihre Ermahnungen und guten Worte selbst vor, – wie hätte ihr Junge da nicht nachleben sollen? Und wie die Mutter so gehorsam gegen Gott war und sich beugte unter seinen Willen, so lernte Bertold nach diesem Vorbilde Gehorsam und straffe Selbstzucht. – – –

Innerlich unendlich reich kehrte Frau Franziska immer heim und ließ ihren Knaben gewachsen und reifer zurück. –

Trotz alledem behaupteten die Mitschüler in E.: »Der Eik hat was zu verbergen«.

Der Jähzorn war’s, den er verbarg, der ihn noch oft peinigte und quälte, den er doch Mütterchen zulieb als erstes bezwingen wollte.

Viele Anfechtungen hatte er durch ihn noch zu bestehen, und besonders bei rohen Handlungen seiner Mitschüler, bei Tierquälereien und häßlichen Lügen geriet er noch immer außer sich.

Und die tägliche Übung der Selbstüberwindung nahm ihm viel Kraft fort, er blieb schmal und mager, und trotz sorgsamer Pflege schauten seine großen, dunklen Augen ernst und viel zu düster aus seinem jungen Gesicht.

Aber Bertolds Körper war sehnig dabei, nicht schlaff, et turnte gut und gern und hob große Lasten ohne besondere Anstrengung. –

»Der Eik hat was zu verbergen.«