Dies war das einzige, was von allen Dingen, die Bertold tat oder versäumte, nach Schwarzhausen gelangte, und es wurde in allen Kaffeegesellschaften erzählt, besprochen, weise belächelt und als bestehende und längst bekannte Tatsache angesehen.

Und er hatte in Wahrheit etwas zu verbergen, drei Dinge: Den Jähzorn, Puppe Emmy und einen Brief, einen langen, einzigen Brief der früheren Gespielin, die er nun sechs Jahre nicht mehr gesehen hatte. Das Papier mit der festen Kinderhandschrift war nicht mehr ganz sauber, es war ja schon mehrere Wochen alt und vielfach von Bertold selbst aufgeplättet worden, wenn er es verknüllt unter seinem Kopfkissen hervorgezogen hatte. Die gute Hauswirtin, welche ihre fünf möblierten Zimmer noch nie so vorteilhaft vermietet hatte, wie diesmal an die beiden ruhigen Herren Lehrer und den braven, stillen, blassen Zögling, wußte schon immer Bescheid, wenn der Junge mit seinem immer dunkler werdenden Papier in ihre Küche kam: »Wenn ich bitten dürfte um ein Plätteisen!« Die brave Frau glaubte freilich, es sei mindestens ein wertvolles Dokument, das der »Jungherr« nicht von sich ließ, und hatte sich eine ganze Legende selbst gedichtet um dieses Papier, Testament oder unersetzliche Urkunde.

Den Jähzorn und Puppe Emmy kannten seine beiden Erzieher, aber diesen Brief kannte nur Liselotte, der liebe Gott und er, Bertold: »Lieber Bertold, ich soll fort in Pension, weil Base Juliane nicht mehr mit mir fertig werden kann. Sie kann schon, aber die Schwarzhausener wollen es. Es geht mir nun wie Dir, und deshalb schreibe ich Ihnen. – Ich soll nämlich ›Sie‹ zu Dir sagen, sagt die Gouvernante, und ich hatte es wieder vergessen. Nämlich ich habe eine Gouvernante, und wir sind nun fünf Frauenzimmer und nur der eine Papa. Die Gouvernante sagt, Du würdest jetzt auch im Gymnasium ›Sie‹ genannt mit fünfzehn Jahren und Sie müßten jetzt auch ›Sie‹ zu mir sagen. Ich hoffe, daß Du das nie tun wirst, ich würde es gemein finden. Wie siehst Du jetzt aus? Es ist schon wieder vor acht Tagen ein neues Bild von mir gemacht worden, und ich hätte es Ihnen gern geschickt, aber die Gouvernante sagt, es wäre der Gipfel der Pöbelhaftigkeit, wenn ein Mädchen einem Jungen ein Bild von sich schenkte. – Du siehst daraus, daß sie überhaupt sehr viel sagt. Aber ich will nichts über sie sagen, denn es soll edle und wohltätige Gouvernanten geben, meine ist es noch nicht. Lieber Bertold, wenn Sie es keinem Menschen und sonst auch niemand wieder erzählen, dann möchte ich es Dir allein kund tun, daß ich meine alte Puppe Emmy nicht wiedergefunden habe. Ich habe viele Jahre so gespielt, als ob sie von Zigeunern geraubt wäre, weil sie so schön und gut war. Aber es ist mir ein Rätsel. Dein Großvater ist ja auch eigentlich kein Zigeuner. – Ich mochte ihn auch beinahe immer so gern wie Dich, aber wir kommen nie mehr zusammen. Niemand hier versteht meinen Schmerz. Und nun soll ich in Pension, – von meinem Väterchen fort, und kein Mensch beschützt mich, sondern Papa steckt sich Watte in die Ohren, wenn ich tobe, und die Base und die Gouvernante blasen in ein und dasselbe Horn. Die Gouvernante will nämlich ihre letzten Nerven noch in Ruhe genießen, so ähnlich hat sie sich ausgedrückt. Wir haben immer sehr schöne Ferien gehabt und der Hans von Windemuth, – nein, ich glaube – ich darf Dir nichts darüber schreiben, denn sie sind alle noch genau so böse wie vor sechs Jahren auf Dich und höchstens noch mehr. Aber Hans’ Wunden von Dir sehen schneidig aus, wie’n Korpsstudent.

Und indem ich noch zum Schluß mit einer Kusine zusammen in die Pension komme, bleibe ich Deine

Liselotte Windemuth.

P.S. Es ist niemand gestorben in Schwarzhausen, und ich weiß meine neue Adresse nicht richtig, und ich grüße Dich! –«

O gewiß, es war nur ein dummer Brief eines kleinen Mädchens, aber er war so ganz aus der echten Liselotte heraus geschrieben. Mit diesem Briefe in der Hand träumte sich Bertold in die kargen Freudenstunden seiner Kindheit zurück, und all das Trübe und Häßliche versank in den äußersten Winkel des Erinnerns.

***

Schwarzhausen alterte nicht. Es blieb jahraus, jahrein das hübsche, schmucke Städtchen, dessen äußere Schäden sofort von einem aufmerksamen Magistrat ausgebessert wurden. Und innere Schäden wurden überhaupt selten bemerkbar, nur einem Fremden hätte es auffallen müssen und auch dann nur, wenn er sich allsonntäglich in der Stadtkirche die Predigt des alten Pfarrers Klingenreuter angehört, daß das Thema vom Balken und Splitter, vom Zöllner und Pharisäer und von den neunundneunzig Gerechten gar so oft wiederkehrte. Aber Fremde setzten sich nicht in die Stadtkirche, sondern stiegen zu den Bergen und Wäldern empor, und die Einheimischen hörten die Predigt, weil die gute Sitte es wollte, und bezogen die Pharisäer nicht auf sich. Denn es war ja des Pfarrers Beruf, von der Sünde zu reden, auch wenn diese nirgends vorhanden war. Also blieb Schwarzhausen leichten Gemütes, hatte ruhige Nächte, führte eine gute Küche und erhielt sich jung. Irgend ein moderner Leichtfuß war zwar einmal nach Schwarzhausen gekommen und hatte im großen Saale des Gasthauses zur Thüringer Edeltanne viel hohe Worte von Luftkurort und Sanatorium geredet und sich erboten, Bohrungen auf Solequellen vorzunehmen, aber er war bald wieder mit »dickem Kopfe« abgezogen, trotzdem er schwindelnd hohe Zahlen vor den Augen und Ohren der Zuhörer aufgebaut hatte. Nicht niedergeschrien wurde er, denn die Schwarzhausener waren durchaus nicht für Schreien und Lärmen, sondern einfach niedergeschwiegen. Erst nachher hielt noch der wohllöbliche Magistrat eine Sitzung ab und verständigte sich mit ein paar Worten sofort, daß sie die gute Thüringer Luft selbst brauchten, daß sie auch ohne Solbäder gesund seien und daß sie wohlhabend genug wären, um keine Sommerfremden zu brauchen. Dann redete man noch ein Weilchen über den Brief, der vom alten Herrn von Eik eingegangen war, und worin er der Stadt einen bedeutenden Zuschuß anbot, falls die Bohrungen vorgenommen würden, kopfschüttelte, zuckte die Achseln und legte den Brief zu den Akten. –

So fand der junge Bertold Eik von Eichen ein ganz unverändertes Bild, als er nach neun Jahren zum erstenmal seine Heimat wieder betrat.