»Du Brät! Sag’s nur kei’ Menschen, wie dei Lehrer geheißen hat.« – –
Rektor Dillen war eigentlich kein Rektor, er hatte nur das zweite Examen bestanden, aber zu seinem 50. Geburtstage beschloß man in Schwarzhausen, ihn zu ehren, indem man ihn von diesem Tage an »Rektor« nannte. Ihm selbst bekam die Standeserhöhung verhältnismäßig gut, aber seine zarte, kleine, bescheidene Frau, die sogar vor der Köchin des Herrn Bürgermeisters einen tiefen Knicks hinsetzte, war dem nicht mehr gewachsen, und sie flüchtete sich aus dieser Welt der Titulaturen.
Das war nun fünf Jahre her, und seitdem führte »Fräulein Rektor«, seine alte Schwester, ihm die Wirtschaft.
Sie pflegte zu sagen: »Ich habe bei Präsidents und bei Rats und bei Majören gedient, – nu werd’ ich wohl genug Benehmigung for’n Rektor Dillen, meinen Herrn Bruder, haben.«
Doch auch der Name des Rektors war falsch, er hieß eigentlich »Tüllen«. Aber mit so unerhörten sprachlichen Anstrengungen befaßt sich der echte »Dhiringer« nicht, und der Mann selbst stellte sich vor: »Mei Name is Dillen.«
Und als diesen Biederen einmal ein junger Kreisschulinspektor anschrie: »Herr, wenn Sie Tüllen heißen, warum nennen Sie sich nicht so?«, da antwortete er: »Es glingt so ibermit’ch, – – wenn ich ämol Gultusminister bin, – dann!«
Und zu ihm kam Bertold Malcroix, d. h. vorläufig noch nicht, denn es war erst acht Uhr und Rektor Dillen hatte die Angewohnheit, das akademische Viertel innezuhalten, das einzige Zugeständnis, das er einer glorreichen Vergangenheit machte, – er hatte einst Theologie studieren sollen. – An seinem fünfzehnten Geburtstage war ihm diese schwindelnde Aussicht eröffnet worden, die sich dann auch als Schwindel erwies. Denn er bekam nach und nach vierzehn Geschwister, und die fraßen ihm mit ihren hungrigen Mäulern die Zukunftshoffnungen auf, wenigstens knabberten sie so lange an der »Kanzel« herum, bis nur ein schlichtes »Katheder« übrig blieb. –
Vor diesem Katheder wartete Bertold Malcroix, bis es ein Viertel nach acht sein würde, sämtliche Mitschüler und Mitschülerinnen standen um ihn herum, aber sie redeten ihn nicht an, sie kicherten nur, schubsten ihn ein wenig oder traten ihm auf die Füße, es mußte irgend etwas Ehrenrühriges darin liegen, ein »Neuer« zu sein.
Aber fünf Minuten vor ein Viertel auf neun flog ein kleines Mädchen zur Tür herein, bahnte sich mit zwei rührigen Ellbogen durch die Kinderschar eine Gasse und stand nun vor Bertold, den sie von allen Seiten mit prüfenden Blicken musterte.
»Du hast ja gar keinen Buckel!« rief sie dann. Das war ihre Begrüßung. Bertold lachte.