»Freilich, Mütterchen, – Erzengel heißt er, und – und er möchte so gern mit Großvater sprechen – –«

»Bertold! Wenn du ihm und uns doch das ersparen könntest! Kannst du dem Großvater nicht wenigstens deinen guten, ehrlichen Willen zeigen?«

»Mütterchen, ich habe hierin keinen guten ehrlichen Willen. Sieh’, ich würde ja gern die Universität beziehen, wenn ich Arzt werden dürfte. Lieber als alles aber ist mir die Musik. Darf ich weder Arzt noch Musiker werden, dann ist mein Platz auf Eichenborn, wo junge Kräfte unbedingt nötig sind. Für Frau Musika und für Eichenborn sind die zwei Universitätsjahre vergeudete Zeit.«

»Und für dich?«

»Für mich auch, – – das heißt – – Mütterchen, – ich habe nun mal kein Verständnis für Familienüberlieferungen, die einen so dingfest machen, wie mich jetzt eben.« Bertold lief im großen Zimmer auf und ab, genau wie es der Großvater tat, wenn er erregt war.

»Mein Junge!« – Frau Franziska streckte ihm bittend die Hände entgegen, und er hielt in seinem Sturmschritt inne. »Gott weiß, ob ich dich verstehe. Aber, – was wir haben und sind, verdanken wir deinem Großvater. Ich – – ich – sieh’, Bertold, – ich wüßte gar nicht, wo wir die Mittel zum Studium hernehmen sollten, wenn wir uns gegen meinen Vater vertrotzten.«

»Das verstehe ich nun wieder nicht,« fiel Bertold erregt ein. »Soviel ich weiß, war deine Mutter doch, wie alle Dannenbergs, sehr reich, – – hat denn mein Vater alles – – ich meine – – –«

Frau Franziska war sehr blaß geworden. »Das war ein Irrtum, Bertold, Mutter war nicht reich, nicht einmal wohlhabend, – – ich bin ganz arm – –«

Bertold schüttelte den Kopf und seufzte. »Der ganze Eichenborn ist ein Geheimnis,« meinte er sinnend. »Es müßte schön sein, Mütterchen, wenn man einmal alles wüßte und Unrecht von Recht sondern könnte. Und dann allen Menschen klar in die Augen sehen. Manchmal habe ich schon gedacht – – es klebe unrecht Gut –«

»Bertold! Nein, nein! Sieh’ auf deine Worte! Wenn dich der Großvater hörte!« Franziska zog ihren Sohn neben sich auf das niedrige Sofa. Da hatte sie oft mit ihm gesessen, als er noch ein kleiner Junge war, – Bertold liebte das alte Möbel mit seinen vielen Erinnerungen. »Nein, mein Junge, – unser Eichenborn trägt kein unrecht Gut. – Viel, viel Schuld und Fehle anderer Art wohl – – verjährte Geschichten, aber die sollen meines Bertolds Augen nicht verdunkeln.« Sie küßte ihn, und er atmete erleichtert auf.