Die Frage klang seltsam, und ein Ton schwang mit – Franziska hätte keine Frau sein müssen, um die Worte nicht sofort als etwas Besonderes aufzufassen. Sie hob den Kopf von der Schulter ihres Jungen und sah ihn prüfend an. Da wurde er rot bis unter den dunkeln Lockenschopf.
»Deine erste Liebe, Bertold,« neckte die Mutter zärtlich. »Wie sie sich entwickelt hat, die kleine Liselotte? Nun, wie ein Mädchen, das keine Mutter hat und sich immer im Kampf mit halbgebildeten Hausunken befindet. Wie ein Mädchen, das einen Vater hat, der in ihr den ersehnten Buben vermißt und sie mit Gelehrsamkeit vollpfropft, – einen Knopf wird sie sich wohl nicht annähen können.«
»Mir schien, sie hatte heute alle Knöpfe am Kleidchen,« bemerkte Bertold mit leisem Humor, und die Mutter lächelte.
»Willst du damit sagen, daß sie sehr ›zugeknöpft‹ war?« neckte sie. »Aber ich will Liselotte nicht verkleinern, Bertold. Sie ist anders als die Schwarzhausener Mädchen, und das kann ihr ja nur zum Vorteil gereichen. Und aus der Pension, wo das arme Geschöpf sechs Jahre verbleiben mußte, ist sie verändert wiedergekommen.«
»Verbildet? Mütterchen?«
»Nein, im Gegenteil. Das ›arm‹ bezog sich auf die Tatsache, daß man so ein Mutterloses zu lange dem Vaterhause entfremdete. Aber dem alten Jüngferchen, das dem Institut vorstand, verdankt Liselotte viele unvergängliche Werte. ›Mütter werden geboren‹, sagt irgend ein Großer, und diese alte Jungfer war eine echte Mutter!«
»Woher weißt du das alles, Mütterchen?« Bertold drückte die Erzählende plötzlich zärtlich an sich, so als wäre der Ausspruch über jenes alte Jüngferchen überaus beglückend für ihn.
»Von Liselotte selbst. Wir treffen uns manchmal am Tempel der Geselligkeit unten im Park. Ich las diesen Namen in der Eikchronik. Es waren damals wohl andere Zeiten für die Eiks, – jetzt könnte man ihn Tempel des Schweigens nennen.« Frau Franziska seufzte.
Sie löste sich leicht aus den Armen ihres Sohnes und strich sich Haar und Kleid glatt. Denn es hatte an die Tür geklopft; der junge Diener meldete irgendeinen Namen, und vor Mutter und Sohn stand gleich darauf eine hochgewachsene, schlanke Mädchengestalt.
»Ich wollte meinen Dank für die Blumen selbst bringen,« sagte Liselotte Windemuth.