Die Einleitung war nicht sonderlich geistreich oder verblüffend, aber Bertold wußte nicht ein Wörtchen zu entgegnen oder sich selbst mit irgendeiner passenden Redensart nach neun Jahren wieder vorzustellen. Er, der den Herren Examinatoren »Nüsse zu knacken« gegeben, stand blöde und stumm vor der Jugendgespielin.
Liselotte sah nicht gerade freundlich auf ihn hin. Sie hatte sich von den Gratulanten fortgestohlen und selbst dem amüsanten, strahlenden Leutnant Hans von Windemuth den Rücken gekehrt, um Bertold in der Heimat willkommen zu heißen. Er war ihr ja fremd geworden, aber es war so eine Art heißer Trotz gewesen gegen den moralischen Dünkel der Schwarzhausener, sich plötzlich zu den Eiks zu bekennen, gerade als man den heimgekehrten Bertold wieder einmal zwischen die Scheren nahm.
Und nun tat der einstige Freund nicht dergleichen, stand abseits mit seinem düstersten Gesicht und schaute sie an, als empfände er ihre Störung höchst lästig, ja als wollte er sie beinahe verschlingen. Von beidem war ein Körnchen Wahrheit vorhanden, – dem Bertold war unglaublich beklommen zumute, und dabei fand er doch die erwachsene Liselotte mit dem Mozartzopf und den großen Schleifen so wunderniedlich, daß er sie nur immer und immer anschauen mußte. Es war ja die alte Liselotte, und sie war es auch wieder nicht. In die Augen des jungen sechzehnjährigen Menschenkindes war etwas getreten, ein Ausdruck, den sich der Achtzehnjährige nicht zu deuten wußte. Denn er sah beinahe wie »Hunger« aus, und wonach hätte die Liselotte wohl hungern sollen?
Sogar eine große Erbschaft hatten die Windemuths gemacht, und Liselotte plauderte sehr unbefangen über ihre veränderten Verhältnisse, daß sie nun mit dem Vater reisen wolle durch das In- und Ausland, erzählte auch, daß ihre Konfirmation eine Art von Familientag bedeute, denn durch die Erbschaft seien die adligen Windemuths arg benachteiligt worden, und da sollte nun ein Vergleich geschlossen werden.
Aber was sie auch plauderte, es riß Bertold nicht aus seinem schweigenden Anstarren, denn weit interessanter als die Erbschaft dünkten dem Jungen die blonden, eigensinnigen Löckchen, die sich so lieblich über der weißen Mädchenstirn krausten, und die trotzigen, stahlblauen Augen, in die richtig hineinzuschauen er sich doch nicht einmal getraute. – Zwei Dinge, zwei sonst so sehr wichtige, waren überhaupt im Gespräche nicht berührt worden: die Geige – und Puppe Emmy.
»Du warst nicht höflich zu Liselotte,« meinte Frau Franziska nachdenklich-vorwurfsvoll zu ihrem Jungen, als der Besuch sich entfernt hatte.
»Höflich? Zu Liselotte? Höflich???« fragte Bertold verblüfft. Er hätte am liebsten den ganzen Tag immerfort gestaunt und hätte es für das einzig Richtige gehalten, mit diesem kleinen, süßen Mädchen gar kein einzig Wort zu reden, es nur immer anzusehen und zu bewundern. Höflichkeit war für irdische Menschen, aber nicht für den ersten Engel, der zum Eichenborn herniedergestiegen war.
Tief enttäuscht schritt Liselotte heim.
Ihr Hinüberlaufen in den Eichenborn war ganz impulsiv gewesen. Sie hatte den Jugendfreund sofort erkannt, als sie aus der Kirche trat. Er saß neben seiner Mutter im Eikschen Viktoriawagen mit den stadtbekannten schönen Apfelschimmeln, und die festen hellen Koffer mit den leuchtenden Messingbeschlägen schienen vom Kutschbock herunter zu lachen: »Bertold kommt wieder.« Und nun war er so wiedergekommen.
So düster und ungesellig wie nur je. Steif und fremd hatte er dagestanden, – oh und sie hätten sich doch eine Menge zu erzählen gehabt! Liselotte dachte gar nicht entfernt mehr daran, daß sie ja ursprünglich das »Karnickelchen« gewesen war, sie tobte sich rechtschaffen aus und arbeitete sich in einen tiefen Groll gegen den »Unnahbaren« hinein.