Seine Briefe aus Bonn waren stärkender Wein und heilkräftige Arzeneien für sie; Frau Franziska mußte ihr jede Epistel des Fernen bringen und ihr vorlesen, dann wurde sie abends vor dem üblichen Schachspiel dem Bruder noch einmal laut verlesen, hierauf nahm Tante Adelgunde den Brief mit in ihr Schlafgemach und plauderte noch mit Frau Therese Teichmann, während diese ihr kleine Handreichungen verrichtete, über den Studenten, der beiden so sehr ans Herz gewachsen war. Die Ferien führten Bertold nur auf kurze Tage in den Eichenborn, die übrige Zeit dagegen hinaus in Gottes weite Welt. Und auch hier war wieder seine Mutter sein treuer Reisekamerad, der mit so feinem Verständnis dem Jüngeren sich anpaßte. Frau Franziska hatte auch an manchem Kommers, sowie an einigen Ausflügen teilgenommen und die Kommilitonen verehrten die schöne, ernste, jugendliche Mutter des Eik und achteten das enge, innige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. –

Freundschaften wurden geschlossen und begeisterte Berichte hierüber von Bertold heimgesandt, die die Vortrefflichkeit des Erkorenen in begeisterten Worten schilderten, nie aber spielte irgend eines der schönen, lebhaften, übermütigen, rheinischen Mädchen eine bedeutendere Rolle in Bertolds Leben, so scharf auch Frau Franziska beobachtete, wenn sie ihn in Bonn besuchte, und so aufmerksam sie auch zwischen den Zeilen seiner Briefe las.

Trotzdem munkelten alle Schwarzhausener Bürger von einem tollen Liebeshandel, als Bertold ein Säbelduell mit einem blutjungen Husarenoffizier austrug.

Bertold lag sehr lange in der Klinik, und dann hatte er eine tiefe Narbe über der Stirn von der dunkeln »Tolle« bis zur kühngezeichneten, dichten Augenbraue des linken Auges … das war wieder einmal etwas für das Städtchen.

Dieses letzte hatte ja noch gefehlt zur Charakteristik des bösen Buben: »cherchez la femme!« Noch so jung – und schon so Etwas.

Was dies Etwas gewesen war, wußte man nicht genau, aber man redete doch laut und zischelte leise über das schwarzhaarige, junge Ding in Bonn am Rhein, das den jungen Eik betört, um derentwillen der Zweikampf mit dem Offizier stattgefunden hatte.

Auch Base Juliane verfehlte nicht, den interessanten Fall dem Professor Windemuth mitzuteilen und Liselottes Gesicht überflog jedesmal eine brennende Röte, wenn sie den Namen des Jugendgespielen nennen hörte, beinahe immer mit einem Zusatz, von denen noch der mildeste war: »Kind, den jungen Eik guck’ nur nie wieder über’n Weg an. Wie der sich aufführt! Wenn wir noch nicht genau wußten, wer der schlechte Kerl in Eichenborn ist, jetzt wissen wir’s.«

Professor Windemuth schüttelte in ehrlichem Bedauern den Kopf. »Schade, schade um den Jungen! Ein begabter Mensch! Ein hübscher Kerl! Ein musikalisches Genie, und nun will er sich zum Raufbold auswachsen? Schade um die nutzlos vergeudete Kraft!«

Liselotte war und blieb ein wunderliches Ding. Sie vergoß sogar heimliche Tränen über den Bertold Eik, trotzige Tränen, über deren Ursprung sie sich gar nicht klar wurde. Sie führte auch immer noch gelegentliche Selbstgespräche, was sie bei Base Juliane erst recht in den Geruch einer »überspannten Lise« brachte, und da Puppe Emmy schon so lange tot und verschwunden war, hielt sie Zwiesprache mit Bäumen und Blumen und irgendeiner unsichtbaren Person, zu welcher sie ehrlich sagte: »Pfui schäm’ dich, Bertold!«

Als Bertold nach der Verwundung übersiedlungsfähig war, holte ihn Frau Franziska nach dem Eichenborn, um ihn gesund zu pflegen. Noch ein anderes Geschöpf kam ebenfalls zur Pflege nach Eichenborn, ein unglaublich häßlicher Pudel, der genau so verklebt und verbunden war wie der junge Herr von Eik, und von dem man munkelte, daß er dem »jungen, reizenden Ding vom Theater« gehört habe.