Er zog die Mutter auf die Bettkante, wo sie sich möglichst bequem hinsetzte und schmiegte sich in ihren Arm. »Also nur neugierig ist meine kleine alte Dame?« fragte er zärtlich, – »kein bißchen mißtrauisch, trotz Schwarzhausen und angrenzender Raubstaaten? Aber ehe ich dir mein kurzes, gar nicht sehr interessantes Erlebnis schildere, muß ich erst von dir hören, wie rabenschwarz man mich in unserer lieben Vaterstadt anstreicht.«

Frau Franziska erzählte ruhig und sachlich. Es wurde ihr nicht ganz leicht, denn die Schwarzhausener waren hart und bös mit ihrem Jungen verfahren, und sie vermochte es nicht über sich, vor Bertold das ganze Gewebe von Häßlichkeiten auszubreiten. Immerhin blieb noch ein großer Teil unguter Verleumdungen übrig und Bertold mußte erst ein paar Mal rasch und heftig aufatmen und tapfer tausend Bitterkeiten hinunterschlucken, ehe er antworten konnte.

»Armes Mütterchen!« sagte er zuerst nur. Dann legte sich ein altmachender, verächtlicher Zug auf sein offenes Knabengesicht, so daß Frau Franziska sacht glättend mit der Hand über seine Stirn strich. Gerade diesen Zug mochte sie am wenigsten an ihm sehen, er tat ihr mehr weh, als irgend sonst etwas.

»Es ist eigentlich schade, daß die Leute ihre Phantasie an eine so kleine, unbedeutende Tatsache hängen,« meinte er spöttisch. »Du wirst lachen, mein Liebes, wenn du siehst, was für ein harmloses Mäuslein der kreisende Berg zur Welt bringt.«

»Je weniger es ist, desto lieber ist’s der Mutter von Bertold Eik,« erwiderte sie einfach, »erzähle mir alles.«

Nun ja, der Jähzorn war wieder einmal mit ihm durchgegangen, aber Mütterchen würde sich wahrscheinlich auch nicht beherrscht haben in solch unwürdiger Sachlage.

Bertold schmiegte sich wie ein Kind behaglich in den Mutterarm:

»Ein schöner, sonniger Morgen war’s,« erzählte er, »und ich wollte mir einen kleinen Brummschädel wegbringen durch rasches, kräftiges Zuschreiten. In der Nähe vom Münsterplatz, ich nicke immer gern dem Beethoven erst mal zu, ehe ich an mein Tagewerk gehe. – Da höre ich ein Jammergeschrei und Jammergeheul gleichzeitig von Mensch und Vieh und finde ein scheues, sich bäumendes Pferd, an dem ein Pudel unaufhörlich schnappend in die Höhe springt, und finde meine kleine filia hospitalis – Mutterle, du kennst ja die schwarze Gretel – die hat die Leine verloren, an der sie den Pudel halten soll, und wie sie mich sieht, schreit sie wie besessen »Herr von Eik, Herr von Eik!« und fällt mir beinahe um den Hals. Helfen konnte ich gar nichts, der Offizier brachte sein Pferd selbst zur Ruhe, sprang ab und übergab es seinem Burschen, der hinter ihm ritt.

Aber nun nahm er den Pudel vor, der ja wohl auch Prügel verdient hatte, aber – – – brrr!« Bertold schüttelte sich. »Na Mutterle, du weißt ja, was für ein sieches, krüppeliges Jammergestell aus dem Pudel Fidelio geworden ist – – ich riß ihn dem Leutnant aus den Fäusten – – es war nicht schön, Mütterchen – – ja – so kams.«

»Ihr wurdet handgreiflich?« fragte Frau Franziska leise.