Wie sonderbar doch der Großvater war! Er lachte mit einem Male rauh und schallend auf und schaute den Enkel belustigt mit wetterleuchtenden Augen an.
»Nein Bertold, da ruht eine Staatsdame«, rief er zurück, und dann sah ihn Bertold mit wuchtigen Tritten nach dem Herrenhause schreiten.
Kopfschüttelnd blieb der Enkel zurück.
***
Schwarzhausen schwelgte in der Behaglichkeit des Rechthabens. Es war alles bis auf das I-Tüpfelchen eingetroffen, was man seit zehn Jahren vorhergesagt.
Bertold Eik taugte wirklich nichts. Der Ehrenhandel, den er in Bonn ausgefochten hatte, mußte etwas ganz Unsauberes gewesen sein, denn der Student saß im Gefängnis.
Man wußte nicht recht, sollte man empört sein über dies Vorkommnis, das eine der angesehensten Schwarzhauser Familien betraf, oder sollte man das Behagen überwiegen lassen, daß endlich einmal etwas Richtiges in Schwarzhausen passierte. – Es half nichts, daß Dr. Hempel und Pfarrer Klingenreuter jedem, der es hören wollte, das Wort »Festung« in die Ohren schrie, die lieben Mitbürger wurden dadurch weder gescheidter noch wohlwollender. Und als irgendeiner von den »ganz Klugen« aus Fritz Reuters »Festungstid« nachwies, daß in den Kasematten hauptsächlich »Königsmörder« untergebracht würden, wurden die Mutmaßungen immer geheimnisvoller und belastender für den Übeltäter. Man brauchte auch nur Frau Franziska, die bedauernswerte Mutter anzusehen, um zu spüren, daß das nichtsnutzige Leben ihres Einzigen ihr beinahe das Herz brach. Wie sie aussah, – so blaß, so erschöpft und hinfällig! Sie war doch noch jung und die Nachtwachen und Krankenbesuche, die sie seit einiger Zeit aufgenommen, konnten unmöglich solche Verheerungen in ihrem Körper anrichten. –
Man fing wirklich an, die »arme« Frau aufrichtig zu bedauern, die solch ein Kreuz zu tragen hatte, und den alten Herrn von Eik dazu, der seinen herrlichen Besitz einst solchen unwürdigen Händen überlassen mußte. Man sah jetzt Frau Franziska täglich.
Was man ursprünglich in edlem Zorn und Gerechtigkeitsgefühl für Haus Eichenborn vom Himmel erfleht, nämlich eine kleine, reinigende Sintflut, das kam mit einem Mal höchst unbegründet für ganz Schwarzhausen, der Typhus. Wie aber nicht anders zu erwarten, war auch hier die Quelle des Übels der Brunnen im Eichenborn, aus dem seit uralten Zeiten die Mägde aus der Stadt das Brunnenwasser holten. Man hätte doch vorsichtiger sein und von dem Augenblicke an, da Bertold Malcroix sich zum Taugenichts auswuchs, den Eichenborn überhaupt meiden sollen. Nun wurde er zum »mal croix« für ganz Schwarzhausen. Irgend ein Schlingel des Städtchens, der viele krumme Wege ging, Vogelnester ausnahm und reifes und unreifes Obst stahl, machte sich wichtig und erzählte, daß er nach der Krankheit des jungen Herrn Bertold und kurz vor dessen Abreise den alten Herrn mit seinem Enkel im Parke gesehen habe, wie sie ein großes, geheimnisvolles Bündel in die Erde vergraben. Man hätte dem als verlogen und diebisch bekannten Jungen sonst nicht die einfachste Mitteilung geglaubt, aber diese Nachricht schlug ein und zündete sofort. Der Erzähler wurde beinahe der Held des Tages und in der Parochialschule umstanden ihn die Schüler, auf der Straße die Bürger und seine Wahrnehmungen wurden andächtig aufgenommen. Natürlich schwoll sein Kamm und je öfter er die Geschichte erzählte, desto unheimlicher wurde der Inhalt des Bündels. Der Schauplatz des Begebnisses verschob sich immer mehr, bis er schließlich nahe der Quelle alles Übels, dicht vor dem verseuchten Brunnen lag. –
Es war nur Gerechtigkeit des Himmels, daß die Seuche als erstes Opfer den Hieronymus Teichmann forderte, ihn, der immer und ewig die Partei des schlechten Eiks genommen hatte und auch bei den letzten Munkeleien, die sich ja leider als nur zu wahr erwiesen, ganz aus dem Häuschen gekommen war. Nun hatte er’s, – nun lag er in einer der Isolierbaracken und seine Stunden waren jedenfalls gezählt.