Sein Großvater schrieb sonst nie an ihn, alle Nachrichten, auch die geschäftlichen, gingen ihm durch seine Mutter oder durch den Prokuristen der Firma Eik zu, – der Eilbrief übte einen seltsamen Bann, – er spornte nicht zur Eile, er lähmte alles Denken und Fühlen und nur mechanisch betrieb Bertold seine Abreise, die noch in derselben Nacht erfolgte.
Grau und trübe der Himmel über Schwarzhausen, grau und trübe die ganze Stimmung in den Straßen, grau und düster das langgestreckte Herrenhaus der Eik von Eichen.
Bertold fröstelte, als er heimkehrte in das Haus seiner Väter. Selbst die Gesichter der Menschen, die ihm in der Herrgottsfrühe begegneten, waren ihm grau erschienen, und sie waren es wohl auch wirklich, – vor Sorgen, vor Angst, weil die Seuche nicht schwinden wollte aus Thüringer Landen.
Und noch etwas starrte dem jungen Studenten aus den Augen seiner Landsleute in grauer Öde entgegen, – tiefe Abneigung gegen ihn und seine Heimkehr.
Er hatte in ruhig ernstem Gruß den Hut gezogen, als er rasch durch die morgenstillen Straßen schritt und hatte den wenigen Kindern freundlich zugenickt, die sich an den Fenstern zeigten. Aber sein Gruß war nicht erwidert worden, und die Kinder hatten sich eilig und scheu zurückgezogen.
Selbst die geliebten Thüringer Berge hatten eine Nebelkappe aufgesetzt, die sie verhinderte, freundlich, heimatlich, vertraut auf den Heimkehrenden zu blicken und die sonst so silberne Gera schien allen Glanz verloren zu haben und schlich grau und langsam dahin.
Einmal mußte doch wieder alles hell und licht werden, mußte doch dieses öde Grau verschwinden, dachte Bertold, und suchte durch junge, hoffnungsfrohe Gedanken die unerklärliche Bangigkeit zu verscheuchen, welche sich um sein warmes, junges Herz legte.
Einmal? Gleich! Jetzt! – sobald er die Mutter an seine Brust drückte, an seine junge, kraftvolle Brust, nach welcher sich die liebe Kranke sehnte, wie der Großvater ihm geschrieben. Schien nicht die Sonne schon ein wenig in das Nebelgrau des Morgens, da er so innig an die Mutter dachte und sein Herz ihm selbst schon voraus flog zu ihr? Er würde nicht wieder die Heimat verlassen, die liebe Heimat, die für ihn gleichbedeutend war mit seiner Mutter Herz. Nie wieder! Er würde von nun an immer zu ihren Füßen sitzen, und herrliche, trauliche Abende sollten kommen nach des Tages Last und Mühe, frohe Feste nach sauren Wochen. – Liebe sollte den Eichenborn durchsonnen.
Der Großvater empfing den Enkel am Portal des Hauses – war denn heute alles so anders? Das hatte der gestrenge, alte Herr noch nie getan. Die Förmlichkeit der ersten Begrüßung durch sämtliche Dienerschaft war bisher immer streng innegehalten worden.
Und noch etwas verwunderte Bertold und erschreckte ihn zugleich: