Da lag Fidelio, der häßliche, gute Hund und dort – – die Staatsdame. So hatte der Großvater ohne weitere Erklärung ihm gesagt.
Aus dem kleinen Erdhügel schimmerte im Mondlicht etwas Weißes hervor – es mußte vor kurzem ein größeres Tier hier gewesen sein; vielleicht ein Hund aus der Fabrik, der durch Zäune und Wiesen herlief. Das kleine Grab war zerwühlt.
Bertold befühlte das weiß schimmernde Etwas mit seinem Stock und blieb daran hängen; als er den Stock hob, fiel die wenige Erde zur Seite und legte eine größere weiße Fläche frei, die Bertold, jetzt doch etwas neugierig geworden, mit der Hand betastete. Seidenstoff war es, rauh geworden von Erde und Nässe, aber an dem Seidenstoff hing ein kleiner, harter, runder Gegenstand. Immer mehr schüttelte Bertold den Kopf, denn er sah nun, daß er eine Puppe vor sich hatte, keine Emmy ohne Kopf, aber einen Kopf ohne Haare und nun fand er auch die abgelöste Perücke und einen dicht zusammengelegten Zettel. Der hatte so verborgen in den Kleiderfalten der Puppe gelegen, daß die Schrift sich gut gehalten hatte und er las die Buchstaben, von seines Großvaters Hand geschrieben, deutlich im hellen Mondlicht: »Diese Puppe soll Liselotte Windemuth gehören.«
Ergründen konnte Bertold dieses Rätsel nicht, – aber er wollte es auch gar nicht ergründen.
Er legte die Puppe wieder sorglich in die Grube hinein und holte noch mehr Erde, die er darauf schüttete und dann gleichmäßig fest trat.
Viel ruhiger wurde er durch diese seltsame Arbeit – denn der wehe Schmerz um seine Mutter wurde abgelöst und abgelenkt durch ein warmes, herzliches Sehnen nach einem lebendigen Menschenkinde, nach einem lieben, rosig-weißen, trotzigen Mädchengesicht, nach einem Paar stahlblauer Augen – – nach dem herzlieben, närrischen Mütterchen der kopflosen Puppe Emmy und der begrabenen haarlosen Staatsdame.
Hoch atmete Bertold auf – das Herz wurde ihm zu eng in der Brust.
Er mußte sie noch einmal sehen, die kleine Liselotte, seine Jugendfreundin, ehe er ins Ausland ging.
Wie hatte er sie nur vergessen können drei lange Tage!
Mutter, liebe Mutter!