Und vergessen war aller Spott, alle Kritik, alles Nörgeln, vergessen das Vorhaben, recht ruhig und objektiv zu urteilen, sich nicht planlos mitreißen zu lassen vom allgemeinen Taumel.

Es ging wirklich ein Zauber von diesem Hünen aus, der Zauber eines Sonntagskindes. Was für kluge, ernste, tiefe, gute, leuchtende Augen dieser Künstler hatte, was war er für ein bildschöner Kerl mit dem dunklen Lockenhaar, das doch so gar nicht romantisch flatterte, sondern einfach und schlicht gescheitelt die hohe sein gemeißelte Stirn umrahmte. Und wie er lachte! Dies Lachen kennzeichnete ihn schon als Liebling der Musen, – das war Musik, die auch den unmusikalischsten Menschen bezaubern mußte.

Und wie dieser Malcroix seine Mitmenschen um Haupteslänge überragte, so war sein ganzes Wesen eher väterlich zu nennen, trotzdem er kaum dreißig Jahre zählen konnte.

»Die Freunde meiner Freunde sind meine Freunde,« sagte Bertold Malcroix herzlich und schüttelte dem Gast die Hand. »Wenn Sie erlauben, setze ich mich nachher ein Weilchen still zu Ihnen, augenblicklich« – er deutete lachend auf die aufgeregten Verehrer ringsum – »habe ich noch keinen eigenen Willen.«

»Ein prächtiger Mann, ein lieber Kerl, ein Vollmensch!« Immer wieder sagte es sich der fremde Gast an diesem Abend, je länger er Malcroix beobachtete, wie er der gefeierte Mittelpunkt eines erlesenen Kreises war, ohne auch nur ein einziges Mal unbescheiden, protzig oder nervös-launenhaft zu sein. Dieser Malcroix besaß die »Höflichkeit des Herzens, der Liebe verwandt, aus der die Höflichkeit des äußeren Betragens entspringt«.

»Nicht wahr, Sie gehören ihm auch?« fragte scherzhaft-ernst der Maler, als er wieder allein bei seinem Gaste saß, während Bertolds hohe Gestalt bald hier, bald da unter neuen Gruppen auftauchte.

»Er muß ein treuer Freund und guter Lebenskamerad sein,« meinte der Doktor sinnend, ohne direkt zu antworten – »ist er verheiratet?«

»Nein. – Auch über diesen Fall berichtet Frau Fama ganze Legenden.«

»Um Gottes willen, sagen Sie mir nicht, daß dieser Mann Herzensbrecher oder Weiberfeind ist,« rief der Doktor. »Beides würde mir wie ein platter, trivialer Berg zu einem Meisterbilde sein.«

»Malcroix ist auch keins von beiden nach meiner festen Überzeugung, aber – wie gesagt, ein wahrer Rattenkönig von Legenden heftet sich an seine Person. Man kann sich ja schwer vorstellen, daß dieser Vollmensch ein Erzengel Gabriel ist, wie einige behaupten, – ich kann darüber gar nicht urteilen, denn er spricht selten über Frauen und niemals über ›Weiber‹. Mit klugen Frauen plaudert er in derselben Weise wie mit gescheiten Männern und mit Gänsen scherzt er gutmütig, ohne sich lange bei ihnen aufzuhalten.«