Es war etwas anderes. Er hatte eine Erscheinung gehabt, ein Erlebnis, das ihn nicht losließ, und das er heute abend in Vergessenheit hatte bringen wollen bei sich selbst. –

Er, Bertold Malcroix, der nie einen Menschen vom andern im gefüllten Saale unterschied, er, dessen Sehen im Fühlen unterging, sobald er die Geige im Arm hielt, er hatte heute abend diese seltsame Erscheinung.

Im Adagio von Beethoven war sie auf ihn zugetreten und hatte ihn mit Augen der Erinnerung angeschaut.

Und sie war nicht leblos, trotzdem das schwarze Gewand der Trauer sie umschloß, sie atmete und schaute aus stahlblauen, ernsten Sternen auf seine Geige. Nur auf diese, nicht auf den Mann.

So jäh war sein Erschrecken und das wunderlich süße Entzücken gewesen, als er sie sah, daß er im Spiel ganz leise stockte, und da war auch über das süße Gesicht der Liselotte ein Rot des Erschreckens gegangen.

Jetzt quälte er sich mit dem Gedanken an ihr Aussehen, an ihr verändertes, blasses, ernstes Gesicht, aus dem jedes Schelmenlachen gewichen war.

Kleine Liselotte, dachtest du dir das Leben einfacher?

Du warst so für die Sonne geschaffen, gab es dir Schatten? Zu viel Schatten? –

An diesem Abend hatte er nur für die junge, mädchenhafte Frau gespielt, die so düster in dem tiefen Schwarz unter all den strahlend geschmückten Menschen gesessen. Für ihre Augen hatte er gespielt, die einst so lachen konnten, für die schlanken Hände, die gefaltet in ihrem Schoß lagen, für den Heiligenschein, der in Gestalt von flimmernden Löckchen das liebe Gesicht umgab, für die Seele der kleinen Liselotte Windemuth. Damit versank für ihn der große, helle Saal und alle Menschen dazu, und das stille Grasgärtchen des Rektors Tüllen stieg auf aus der Erinnerung. Nichts war auf dem Inselchen vorhanden, als die kleine Liselotte und er.

So kam es, daß seine Geige heute jubelte und weinte und so inbrünstig warb um die Vergangenheit. Die reiche, volle Tonflut der braunen Amati wollte die Kluft ausfüllen, welche acht Jahre gerissen, wollte einen neuen Weg schaffen zur Heimat und zum Herzen der Jugendgespielin.