Liselotte wurde rot, aber es achtete niemand darauf, denn der neue Bertold las ganz unerhört schön und gänzlich fehlerfrei das schwierige Lesestück.
»Das war ja sehr gut, Bertold.« Die guten Augen des Lehrers strahlten. »Ich sehe schon, du bist der echte Sohn meiner braven Schülerin Franziska.«
Sei es nun, daß seine Stimme bei diesen Worten bebte, oder war es sonst etwas, – Bertold Eik warf plötzlich beide Arme auf den Tisch, legte sein Gesicht darauf und fing an bitterlich zu weinen. –
Liselotte Windemuth saß verstört neben ihm, – – die anderen waren je nach Veranlagung frech oder verlegen, beinahe aber alle stellten innerlich fest, daß es noch nie so »fein« in der Schule gewesen sei, – Mütter und Tanten würden Augen und Ohren aufsperren, was sie heute erführen.
Und Rektor Dillen stellte bei sich fest, daß die erste Stunde recht unruhig verlaufen sei und die Kinder wenig in ihr gelernt hätten, – nur ihm selbst hatte sie einen Gewinst gebracht.
Durch schöne, reine Kinderaugen hatte er in ein schönes, reines Kinderherz geschaut, ein Erlebnis, das einem Lehrer wohl einen ganzen Tag verklären konnte.
Er beschloß, die Pause heute etwas zu verlängern, um den Kindern Gelegenheit zu geben, ihre Neugierde zu befriedigen und sich zu sammeln. Und den arg verweinten Kinderaugen wollte er erlauben, sich zu waschen und zu kühlen, damit sie wieder hell würden für den Rest des Tages.
Rektor Dillen war ein erfahrener Lehrer, der ja auch in den dreißig Jahren seiner pädagogischen Tätigkeit viel hatte strafen müssen, aber Kindertränen waren seinem liebevollen Herzen immer etwas Heiliges gewesen. –
Kaum hatte das kleine, heisere Schulglöckchen, von Fräulein Rektor in Bewegung gesetzt, den Stundenschluß verkündigt, so wandte sich der Rektor gleich an Bertold.
»Du kannst in das Grasgärtchen gehen, mein Sohn, und die Liselotte wird dich begleiten, wenn du sie bittest.«