Durch Frau Franziskas Herz war während dieser Erzählungen ihres Jungen etwas gehuscht, über das sie sich selbst ausschalt.
Wäre es möglich, daß sie Eifersucht empfand?
Aber sie war bis heute so ausschließlich das A und O ihres Jungen gewesen, bisher hatte er nach jedem Schultag so aus Herzensgrund gerufen: »Gottlob, Mutter, daß ich wieder bei dir bin!« Deshalb erblaßte sie heute leicht, als dies Jubelwort fehlte und Bertold statt dessen sagte: »Und nachher will ich Liselotte besuchen.«
Herr von Eichen senior kam ihr zu Hilfe. Er hatte dem Plaudern des Knaben mit ganz merkwürdigem Gesichtsausdruck zugehört. –
»Daraus wird nichts,« erklärte er finster. »Die Schule bringt Unruhe genug. Das fehlte noch gerade, daß mir hier kreischende, polternde, unzurechnungsfähige Sprößlinge fremder Leute ins Haus kämen – – –«
»Da bin ich,« sagte in diesem Augenblicke eine frohe Kinderstimme und ein warmes, kleines Händchen schob sich vertrauensvoll in die behaarte große Rechte des Scheltenden. »Ihr habt gewiß schon gewartet, aber ich konnte wirklich nicht eher, immer muß ich von dem Bertold erzählen, die Leute sind schrecklich neugierig. Und kein Mensch wollte es glauben, daß ich zu dir dürfte, denk bloß – –«
Und Liselotte Windemuth lachte silberhell und lehnte ihr weiches Körperchen an den grimmigen alten Herrn, so daß ihre blonden langen Locken über seinen grauen Flaus fielen.
Niemand von der Tafelrunde, die um den Familientisch der Eik von Eichens saß, sprach ein Wort. Aber von dem einen Ende des Tisches kam ein häßliches, meckerndes, hölzernes Lachen, und dies Lachen berührte um so verwunderlicher, als es aus dem Munde des »schönen Eiks« kam. So nannte man Eik von Eichen junior, den Pflegesohn und Haupterben der Eichenschen Besitztümer, den vorbildlichen Prachtmenschen, den korrekten, fleißigen, wohltätigen Handels-, Fabriks- und Gutsherrn, den »Heiligen von Schwarzhausen«.
Liselotte warf einen etwas scheuen Blick auf ihn, dann drückte sie rasch die Hand des stummen, alten Herrn und küßte sie, wie sie es von ihrem Vater gewohnt war, darauf wandte sie sich an den Jungen:
»Komm, Bertold, – komm rasch und zeige mir deine Geige,« rief sie, anscheinend höchst froh, aus der stummen Gesellschaft fortzukommen. »O, ich kann’s ja gar nicht erwarten, die Amati zu sehen, und Herrn Organist Brennstoff habe ich auch schon davon erzählt, der freut sich halbtot. Stunden will er dir geben, hat er gesagt, und etwas Großes aus dir machen, und er rief immer: Heilige Cäcilie, habe Dank!«