Ob auch die goldene Sonne längst zur Ruhe gegangen war, es lag ein lichter Schein um das Haupt des Kindes.
Das jubelte und jauchzte, das klagte und zitterte in den Saiten, es war ein gewaltiges, sehnsüchtiges Klingen. – Spielte wirklich nur ein kleiner, schwarzlockiger Junge, oder meisterte unsichtbar ein anderer die Saiten des wunderherrlichen Instrumentes?
Organist Brennstoff saß mit gefalteten Händen da, und Träne auf Träne tropfte auf sie herab.
Er war nicht imstande, dem Jungen auch nur ein Wort zu sagen, als dieser endlich den Bogen sinken ließ und mit leisem, ernsten »Gute Nacht« das Zimmer verließ.
Aber dann brach es los bei ihm, – wie ein Sturzbach kamen die ungestümen Worte:
»Ich hab’ mich vermessen, Freund Hieronymus. Ich wollte ihn unterrichten und fühle, den kann ich nichts mehr lehren. Heilige Cäcilie, wie ist’s möglich, daß ein Kind so wunderbar spielt! Ich will dir etwas sagen, Freund, – dies Spielen hat ihn sein Vater gelehrt. O, ich habe die Fräulein Franziska immer verstanden, daß sie diesem Rattenfänger von Hameln folgte, – »sie mußten alle hinterdrein«. Und so ein zartes Weibchen, so eine schöne Seele in einem schwächlichen Gefäß – was sollte sie wohl widerstehen? Und wir zwei, Hieronymus, wir müssen diesem kleinen Musikus das Andenken seines Vaters retten, denn wo viel Licht ist, ist viel Schatten, und jener Malcroix war ein Genie. Heilige Cäcilie, es kommt wieder echte Musik nach Schwarzhausen, es kommt wieder Klang in unsere verdudelte Leierkastenatmosphäre – Hieronymus, die Manen Beethovens und Wagners schwebten heute in diesem gesegneten Raume!« – –
Er war ganz außer sich, der lange, hagere Organist, raffte seinen Hut und seine große Pelerine zusammen und stürzte zur Tür hinaus, kaum noch hörend, was Teichmann ihm unter Kopfschütteln nachrief: »Gute Nacht, gute Nacht! Allen Müden sei’s gebracht.« –
Im Frühstückszimmer des Hauses Eichen herrschte die Stimmung wie nach dem Gewitter. Eben war die schwere Tür mit lautem Krach zugeflogen, und die wilden Flüche und Reden des alten Herrn hingen noch in der Luft. Erschreckt und blaß saß Frau Franziska auf ihrem Stuhl, und ihre Augen standen voll Tränen.
Sie starrte gequält vor sich hin, und vielleicht ohne daß sie es wollte, kamen die Worte von ihren Lippen: »O Gott, soll das nun immer so fortgehen?«