Baldamus Eik war schon als Knabe unfehlbar in den Augen seines Pflegevaters, der dem höchst anfechtbaren und zweischneidigen Wahlspruch huldigte: »Nun gerade!«
Unter den Schwarzhausener Bürgern waren keine Pestalozzis, und auch der junge Lehrer Tüllen war keiner.
Hätte er nur ein einziges Mal Herrn von Eichen senior als lohnendes Erziehungsobjekt angesehen und sich überlegt, daß er ihn mit seinem eigenen Wahlspruch schlagen und auf den richtigen Weg bringen konnte, – er hätte sich wahrhaft Verdienste erworben, – aber krumme oder schwachbeleuchtete Wege waren vor Herrn Lehrer Tüllens Augen verborgen, und er tat aus Gewissenhaftigkeit, was die Schwarzhausener aus Freude am Schelten und Nörgeln taten, er sagte Herrn von Eichen senior, daß sein Neffe Baldamus sich zum Schleicher und Taugenichts auswachse. Aber der Wahlspruch: »Nun gerade« ließ die Ankläger als grobe Lügner scheinen. Mut besaß der kleine Seminarist damals für zwei, das mußte man ihm lassen, doch nachdem sich Herr von Eichen von seiner Verblüffung über die Dreistigkeit des Hauslehrers erholt, warf er ihn hinaus.
Das ließ sich Lehrer Tüllen auch gefallen, denn er war schmächtig und klein, und die Faust des alten Eiks hatte schon Stärkere geworfen, aber er ließ es sich nicht gefallen, daß Baldamus, sein Schüler, ihn auf offener Straße verhöhnte, sondern er verabreichte ihm eine ganz gepfefferte Ohrfeige vor allen Leuten, welche die Beleidigung angehört.
Diese Ohrfeige vergaß Baldamus nie, und auch Lehrer Tüllen hatte vollauf Ursache, sich stets ihrer zu erinnern, denn sie war sozusagen der Stein, über den er fortgesetzt in seiner Laufbahn stolperte, der Knüppel, der ihm ins Rad flog, der Balken, der sich vor jede Tür legte, durch welche er in ein besseres Amt schreiten wollte.
Schon hatte er sich es als das Beste ausgedacht, seine Heimat ganz zu verlassen, als sich etwas sehr Verwunderliches ereignete.
Die guten Schwarzhausener waren bibelfest, aber sie hielten sich zumeist an das Alte Testament, das gar kräftig »Auge um Auge, Zahn um Zahn« predigte, das Neue Testament mit dem Evangelium der Liebe war ihnen noch fremd.
Und so begriffen sie es niemals, daß Lehrer Tüllen ohne weiteres die rasenden Pferde aufhielt, welche das Gefährt des Baldamus und ihn selbst darin hinter sich herschleiften.
Arg zerschunden und zerrissen hing der Lehrer am Zügel des Handpferdes, das endlich zitternd stand, während der junge Herr Baldamus zwar blaß, aber nach dem bewährten Sprichwort: »Unkraut vergeht nicht«, doch völlig gesund aus dem Wagen kletterte, ohne seinem Todfeind ein Dankeswort zu gönnen.
Dafür dankte Eik von Eichen ihm mit der leitenden Stelle an der Rektorschule, und Lehrer Tüllen nahm sie ohne weiteres an. Hatte er doch eine alte, verwitwete Mutter und eine Menge halbwüchsige Geschwister zu unterstützen. Er nahm sie auch an, weil sein Herz ein energisches Veto gegen das Verlassen von Schwarzhausen einlegte, sein Herz, das gar nicht einmal mehr ihm gehörte, sondern der wunderlieblichen, ach so fröhlich-sonnigen Anna Teichmann, der Tochter des alten Hieronymus.