Er war doch ihr Junge.
Du Wilder! Sei brav! Diese Worte sprach ihr Herz und ihr Mund täglich unzählige Male und hatte sie gesprochen beinahe von dem Tage an, da man ihr den Knaben zuerst in die Arme gelegt hatte.
Denn vom ersten Atemzug an war er ein ungebärdiges Büblein gewesen. Als der Verstand kam, wurde er merkwürdig still, nachdenklich und ernst. Aber daneben wucherte ein Kräutlein auf, das giftige, verderbliche, zerstörende Erbteil der Eik von Eichens, – der Jähzorn.
Wie Franziska Malcroix diesen Jähzorn haßte! Die Chronik des Hauses war erfüllt von Beispielen seiner unheimlichen Macht über die Eiks.
Er überschlug aber immer eine Generation.
So war sie selbst verschont geblieben von diesem unseligen Temperament, das ihren Vater bis zur Sinnlosigkeit beherrschte und einen gehaßten, gefürchteten, gemiedenen Mann aus ihm gemacht hatte.
Aber ihr Junge, ihr lieber Trost, ihr ein und alles, den sie herausgerettet aus einer tief unglücklichen Ehe, welche der Tod zur rechten Zeit noch getrennt hatte! Sie hatte schon geglaubt, daß das böse Erbteil vor ihm haltmache, hatte dankbar die Hände gefaltet, daß ihr Sohn weder den haltlosen Leichtsinn seines Vaters, noch den lodernden Jähzorn des Großvaters geerbt, hatte sich in der Sicherheit gewiegt, daß ihm ein gütiges Geschick nur die heilige Wahrheitsliebe und den eisernen Fleiß der Eik von Eichens in die Wiege gelegt habe – bis vor drei Jahren.
Ja, so lange war es her.
Da hatte sie an einem heißen Nachmittage arbeitend am Fenster gesessen, ihr Mann war wieder einmal auf »Kunstreisen«, von welchen er immer haltloser denn je und oft in zweifelhafter Gesellschaft heimkehrte, – – ihre Gedanken weilten bei dem Fernen, dem sie von Tag zu Tag fremder wurde, – da hatte sie gellendes Kindergeschrei gehört und war auf die Straße gestürzt, ohne Hut, ohne Tuch, wie sie gerade war.
Zur rechten Zeit kam sie, um Bertolds kleine, feste Fäuste aus dem dunkeln Schopf eines Spielkameraden loszulösen, aber ganze Büschel Haare blieben trotzdem in der Hand des Raufenden.