Und wieder sprach man von Zwangserziehung und »Rauhem Haus«, wieder erörterte jeder Vetter und jede Base, vom Bürgermeister an bis herunter zum Nachtwächter, daß der Knabe erblich belastet sei, und daß es wohl nur ein Mittel gebe: eine feste Hand und gebietende Persönlichkeit über ihn zu setzen, und für die Schwarzhausener konnte diese Persönlichkeit nur Herr Baldamus Eik von Eichen sein, dessen Zuneigung für Frau Franziska stadtbekannt war. Aber würde seine Liebe groß genug sein, um sich aufzuopfern für eine Frau mit beflecktem Namen und mit einem mißratenen Buben, wie dieser Bertold war?
Der eine ganze Stadt durch sein bisheriges Wohlverhalten und Ehrbarkeit getäuscht hatte?
Der schon an seinem letzten Aufenthalt reif für eine Besserungsanstalt gewesen war und dessen schlechter Charakter noch gerade zeitig genug zum Vorschein kam?
Das Haus Windemuth konnte die Zahl der teilnehmenden Frager kaum fassen, – freilich sah der Professor immer aus, als nähme er am liebsten die Mitbürger beim Kragen und würfe sie zur Tür hinaus; aber man hielt sich an Base Juliane, die bereitwillig und ausführlich die Schreckensszene immer wieder schilderte und stundenlang schwatzend vor der Haustür stehen konnte. »Zerrissen und zerschunden sei das hübsche Gesicht des Fahnenjunkers,« berichtete sie, »und die Kopfhaut an zwei Stellen genäht, und die wertvolle Geige – – –«
»Sei sofort vom alten Herrn Eik von Eichen ersetzt worden, und zwar durch eine weit wertvollere,« war hier Hieronymus Teichmann eingefallen, der gerade vorbeiging und sich ausnahmsweise und nur zum Steuer der Wahrheit in die Verhandlung mischte.
»Nun ja freilich – ersetzt,« murrte Base Juliane, »als ob damit alles abgetan sei! Der Hieronymus Teichmann war eben Partei. In seinen Augen, das wußten alle, waren die Eik von Eichens geborene Engel, und sie hätten auch einen Raubmord begehen können, Teichmann würde doch noch Entschuldigungsgründe für seine langjährige Dienstherrschaft gefunden haben.«
Aber man wollte in Schwarzhausen nicht so lange warten, bis etwas ganz Schreckliches durch diesen Bertold Malcroix geschah; man wollte den Brunnen zudecken, ehe das Kind hereinfiel, und da man nicht den Mut hatte, zum alten Eik zu gehen, der nun doch einmal die meisten Steuern zahlte, und ihm zu sagen: »Nimm dein Enkelkind aus der Schule heraus, es stört da unsere sorgfältig erzogenen Sprößlinge«, so bearbeitete man eben jene sorgfältig Erzogenen, und diese isolierten den Bertold.
Er fand sich immer allein, beim Spiel und beim Lernen, beim Plaudern, beim Stillsitzen und beim Frühstücken.