Während der ersten Tage nach jenen bösen Jähzornsstunden fehlte Liselotte ganz in der Schule. Der Anblick ihres leeren Platzes gab dem Jungen immer einen Stich ins Herz, mehr noch die kummervollen Augen des Rektors Tüllen, zu welchem die aufgebrachten Schwarzhausener gesagt hatten: »Entweder der jähzornige Bengel geht, oder wir nehmen unsere Kinder fort.« Es war verlorene Liebesmühe des braven Rektors gewesen, daß er alle guten Seiten des Knaben hervorgehoben hatte; man machte die Frage einfach zu einer Existenzfrage für den Rektor und seine brave Schwester.

Als Liselotte zum ersten Male wieder in der Schule erschien, hatte sie etwas Merkwürdiges mitgebracht, ein längliches, sauber zusammengeschnürtes Paket, das sie hastig unter die Bank steckte.

Erst als die lange Pause kam, holte sie das Päckchen vor und begab sich mit ihm nach dem Grasgarten. Bertold folgte ihr dorthin, wie er es ja immer getan hatte, ehe er sich durch sein strafwürdiges Verhalten die Pforten zum Paradiese verschloß.

Und ein Stück Paradies war ihm das Windemuthhaus gewesen. – Die ganze Klasse wollte den beiden nachstürmen, aber Rektor Tüllen stand sozusagen mit feurigem Schwerte vor der kleinen, grün angestrichenen Tür, die zum Grasgarten führte, und sein Lineal, mit dem er wild umherfuchtelte, glänzte leuchtend in der Sonne. »Weg da,« rief er und scheuchte die Neugierigen fort, »in das Grasgärtchen dürfen nur die besten Schüler.«

Das war die Wahrheit, und das half auch. –

Liselotte setzte sich, Bertold stand vor ihr mit bekümmerter, ernster Miene. Liselotte hatte das Paket auseinandergeschnürt, und nun lag »Puppe Emmy ohne Kopf« auf ihrem Schoß.

»Liselotte, bist du böse mit mir?« begann Bertold das Gespräch.

Das kleine Mädel schaute nicht auf, ihre Augen guckten nur die Puppe an, und dann erwiderte sie:

»Sieh mal, liebe Puppe Emmy, ich darf doch nicht mit dem bösen Bertold sprechen, weil er ein schrecklicher Bengel ist. Nun habe ich dich mitgenommen, und du kannst ihm alles sagen.«

Der Schatten eines Lächelns flog über des Knaben Gesicht, als er die List der kleinen Evastochter verstanden, aber es war nur ein Augenblick, dann fragte er ganz ernst: »Puppe Emmy, ist Liselotte Windemuth mir böse?«