Diese Kraft allein hatte ihn über die Schwelle des Hauses gezogen, aus dem er einst fortgewiesen wurde, und das er mit einem jungen Herzen voll Haß und Bitterkeit verlassen hatte.
Jetzt war er alt und mild geworden, und der Greis, der ihm einst wilde, harte Worte zugerufen, streckte ihm heute die Hand entgegen. Dabei wetterleuchtete es förmlich in dem alten Gesicht, – er setzte auch ein paarmal zu einer Begrüßung an, aber das Reden war nie eigentlich seine Sache gewesen, und er fühlte wohl, wie schwer es war, nach fünfundzwanzig Jahren plötzlich eine Anknüpfung zu finden, besonders bei einem so jäh zerrissenen Faden.
Aber sein Händedruck war ehrlich und fest, und Rektor Tüllen erwiderte ihn ebenso.
Herr Eik von Eichen senior führte seinen Gast zu einem der tiefen Sessel in seinem Arbeitszimmer, und beide setzten sich.
»Erzählen!«
Es war nur ein barsch geknurrtes Wort, aber der Rektor hatte ein scharfes Auge und ein feines Ohr, er sah, daß sein Gegenüber heftig erregt war, und er hörte aus der Art, wie das einzige Wort hervorgestoßen wurde, etwas heraus, das ihn veranlaßte, sofort zu willfahren.
Ruhig und mit mildem Ernst setzte er dem alten Herrn alles auseinander, schilderte mit etwas trockener Sachlichkeit die Freundschaft des Knaben Bertold mit der kleinen Liselotte Windemuth, schilderte den Auftritt im Hause des Professors, soweit er ihn vom Hörensagen kannte, und betonte den heftigen Jähzorn des Knaben, der sich am letzten Schultage wieder erschreckend gezeigt und die Schwarzhausener von neuem aufgeregt habe. Er selbst, der Rektor, würde den Knaben nie aus der Schule gewiesen haben, denn Bertold sei ein kluger Kopf und lerne fleißig, im übrigen sei es ihm, Rektor Tüllen, gleichgültig, was seine Mitbürger dächten, aber Bertold habe vor drei Tagen die Schule freiwillig verlassen und sei bis heute nicht zurückgekehrt, deshalb sei er hier und wolle Herrn Eik von Eichen gut überlegte Vorschläge unterbreiten. –
Rektor Tüllen fühlte plötzlich bei dieser Unterredung, daß ein Diplomat an ihm verloren gegangen war.
Mit keiner Silbe lobte er den Jungen, dem sein ganzes altes Herz gehörte, mit keinem Worte beschönigte er Bertolds Jähzorn, – und von dem gottbegnadeten, wunderbaren musikalischen Talent des Knaben sprach er mit einer Nüchternheit, daß der argwöhnische Zuhörer auch nicht schattenhaft die Sorge spürte, welche Rektor Tüllen beseelte, wenn er an eine Erfolglosigkeit seiner Mission dachte. Er hatte ja vor diesem Gang eine lange Unterredung mit dem Organisten Brennstoff gehabt, und dieser hatte ihn nach allen Regeln der Diplomatie bearbeitet.
»Immer an den Wahlspruch des Alten denken: ›Nun gerade‹. Nicht das Herz ›weghuppen‹ lassen, wir müssen das Kind für Frau Musika retten, und dazu brauchen wir den alten Isegrimm. Rektor, reden Sie vorsichtig, Rektor, machen Sie keine Dummheiten!«