»Darüber habe ich zu entscheiden,« lautete die schroffe Erwiderung. »Ich habe dem Bengel Windemuth die zerstörte Geige ersetzt, – wie ein Hohn war’s auf die ganze Vergangenheit, – ich – Eik von Eichen kaufte eine Geige – –« Wieder das heisere, rauhe Lachen, und wieder der Unterton dabei, nur dem feinen Ohre des Lehrers vernehmbar, ein Ton des grollenden Schmerzes, der vom bitteren Hasse kaum mehr zu unterscheiden war.
Lehrer Tüllen stand auf.
Er überlegte, daß er heute genug erreicht hatte, er wußte wenigstens, daß der Junge ihm für einige Zeit wieder gehörte, und daß die Förderung dieser jungen Menschenseele die köstlichste Aufgabe für ihn sein werde. Ruhig verabschiedete er sich vom Herrn des Hauses. Es wurde kein Wort weiter gewechselt, dann fiel die schwere Eichentür hinter ihm ins Schloß.
Ganz erschöpft saß der Rektor dann noch eine Stunde in dem Stübchen von Hieronymus Teichmann, der gemeinsam mit Kantor Brennstoff auf ihn mit Spannung gewartet hatte. Das Wiedersehen mit dem alten Vater seiner einstigen Liebe griff den Rektor ungemein an. Er war ja kein Jüngling mehr, und es stürmten seit einiger Zeit zu viel neue Eindrücke auf ihn ein. Fast mechanisch berichtete er über seine Unterredung mit Herrn von Eik, und der alte Teichmann saß ihm stumm und bedrückt gegenüber. Jeder erlösende Reim schien ihm abhanden gekommen zu sein.
Desto lebhafter und aufgeregter war Brennstoff.
»Diese ganze Sache ist nur ein Danaergeschenk,« grollte er. »Himmelherrgott, was nützt uns alles, wenn diese verrückte, tolle, hirnverbrannte Bedingung mit der Geige bestehen bleibt. Diese ist sozusagen die Hauptsache im Leben des jungen Eik, wie Frau Musika überhaupt das A und O eines jeden musengeküßten Individuums sein müßte. Wenn Jung-Bertold auch weder schreiben, noch lesen könnte, – mit seinem Geigenspiel allein käme er durch die ganze Welt. Musik macht gut und groß und erbt in jedem Falle den Himmel, und die heilige Cäcilie ist wahrhaft anbetungswürdig!«
»Brennstoff, stoppe ein wenig!« bat jetzt Hieronymus. »Mir scheint, das Schicksal hat’s schon gut gemeint. Unser Junge, der Bertold, in sicherer Hut, – der Gedanke belebt schon meinen Mut. Paßt auf, – was heute noch meilenweit, das kommt schon näher mit der Zeit.«
»Unsinn, Hieronymus! Frau Musika ist ’n ungeduldiges Weibsen. Das wartet nicht. Und so’n Talent verkommen lassen, – was sag’ ich, Talent? – – so’n Genie!« – – –
»Ein Genie bricht sich immer Bahn,« warf Rektor Tüllen ruhig und etwas müde ein, reichte den beiden still die Hand und ging.
»Billige Brombeerenweisheit,« rief ihm Brennstoff nach. »Herrgott, ich hätte dem alten Eik gegenüber stehen sollen,« tobte er weiter und vergaß ganz, daß er vor kaum zwei Stunden noch ausgerufen hatte: »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang, Gott sei gepriesen, daß ich mit dem Schlagetot nicht allein zu sein brauche!« – –