Seine Mutter bemühte sich wohl, in seiner Gegenwart heiter und froh zu erscheinen, aber sein feines Empfinden fühlte deutlich das Bemühen und den Schein heraus. Zudem glaubte er, daß sein häßlicher Jähzorn die Ursache von Frau Franziskas Tiefstimmung sei, und er grämte sich darum.
Täglich wurde sein nachdenkliches Gesichtchen etwas schmaler, trotzdem ihm seine Mutter die sorgsamste körperliche Pflege angedeihen ließ, trotzdem im Parke Luft- und Sonnenbäder errichtet waren für ihn und der Großvater, den er aber selbst kaum jemals zu Gesicht bekam, ihn auf vier Wochen nach Borkum geschickt hatte, unter Aufsicht des Herrn Rektors Tüllen, seines verehrten Lehrers.
War es die Scheu, täglich unter so vielen, fremden Menschen zu sein, war es die Sehnsucht nach seiner geliebten Mutter, die beim Großvater zurückgeblieben war, – – Bertold kam noch ein wenig blasser und hagerer, sowie gänzlich appetitlos aus dem Seebade zurück.
Sie forschten und fragten und ergingen sich in Mutmaßungen, aber keiner ahnte, daß es ein kleines, quecksilbriges Persönchen war, das dem Knaben beständig vorschwebte, – daß Liselottes altkluges Reden, ihr unermüdliches Interesse, ihre frische Lebendigkeit ihm fehlte, – wo er ging und stand, – ach so sehr fehlte!
Aber über seine Lippen kam kein Wort, und auf seinem ausdrucksvollen Knabengesicht lag ein neuer Zug, – etwas wie Verachtung; der war an jenem Tage entstanden, als seine kleine Freundin ihm so mitleidlos das liebevoll aufgespeicherte Sammelsurium vor die Füße warf. –
In dem ausgedehnten Parke hinter Eichenborn ging der alte Eik von Eichen täglich eine Stunde spazieren.
In früheren Zeiten, die aber weit, weit zurücklagen, hatte das Herrenhaus ganz einsam dagestanden, nur Wald und Wiesen, Sträucher und Hecken waren seine Nachbarn gewesen, und ganz am Ende der Besitzung, die sich weithin ausdehnte, schlängelte sich die wilde Gera wie ein silbernes Band.
Genau so entfernt, wie Haus Eichenborn vom Ort Schwarzhausen lag, war auch die seelische Entfernung der aristokratischen Bewohner von den Bürgern des Städtchens. Kaum einer fühlte das Bedürfnis, die lange und langweilige, schnurgerade Allee zu durchwandern, um das langgestreckte düstere Haus Eichen aufzusuchen, das wie ein verwunschenes Märchenschloß in seinem Eichendickicht lag, in welchem nur ruhig-ernsthafte oder boshaft-jähzornige Menschen wohnten, auf manches Glied waren auch beide Eigenschaften zusammengefallen.