Nur die jeweiligen Pfarrer hatten seit Generationen treu zu den Eichens gehalten, weil sie sich allzeit als ein frommes Geschlecht auszeichneten, zu denen auch die Kirche immer mit ihren Wünschen und Bedürfnissen kommen konnte, ohne Gefahr zu laufen, abgewiesen zu werden. Knauserei gehörte jedenfalls nicht zu den vielen Untugenden, die den Eik von Eichens mit Recht oder Unrecht nachgesagt wurden. Im achtzehnten Jahrhundert ward ein ganz besonders tatkräftiger Bertold Zacharias Eik von Eichen Erbe des Eichenborns, und er war es, der auf seinem eigenen Grund und Boden Reichtümer in Gestalt von Feldspat entdeckte. Er war der Begründer der großen Eikschen Porzellanfabriken und zugleich der festgegründeten Wohlhabenheit des Hauses Eichenborn.
Beziehungen mit Frankreich wurden angeknüpft, und der Gatte von Franziska Malcroix war der Urenkel jenes Mannes, der durch die erste Lieferung von weichem Frittenporzellan mit Haus Eichen in Verbindung trat.
Schwarzhausen fing an, sich zu dehnen und zu strecken, Fabrikgebäude, Schmelzöfen und Ziegeleien wuchsen auf, alle unter der Firma: »Eik«, und um das düstere Haus selbst lagerten sich wie ein Kranz die roten Ziegeldächer der schmucken Häuschen, in denen die Angestellten wohnten.
Es hatte in merkwürdig genauer Abwechslung immer einen streng gewissenhaften, fleißigen Eiksohn gegeben, der das Besitztum mehrte, und dann wieder einen genialen Feuerkopf, der sich nicht in Schablonen pressen ließ, und der in einem selbstgewählten Berufe genügend Zeit fand, aus dem Geleise der Eiks zu weichen und das reichlich vorhandene Vermögen auch nützlich oder unnützlich zu verbringen. Ein solcher Feuerkopf war Lorenz Eik von Eichen, der Vater des Herrn Baldamus gewesen.
Bertold Eik senior hatte diesen jüngeren Bruder sehr geliebt, aber das Drohnenleben, welches Lorenz führte, war allezeit der Gegenstand heftigen Unfriedens zwischen ihnen beiden gewesen.
Durch die vom älteren Bruder und Chef des Hauses förmlich aufgezwungene Ehe mit einer stillen, demütigen Frau, die sich später als eine im ärgsten Muckertum steckende Seele entpuppte, wurde Lorenz zur Verzweiflung getrieben, – er nahm sich das Leben. – Bertold Eik holte den verwaisten Baldamus zu sich und führte einen jahrelangen erbitterten Kampf mit der Mutter des Knaben, bis auch diese starb. Baldamus war das getreue Ebenbild seiner Eltern. Vom Vater den Hang zum Leichtsinn, ohne die geniale Offenheit und Frohmütigkeit dabei, die ersetzt wurde von der glatten, gesellschaftlichen Miene des Scheines. Von der Mutter den Hang zum Duckmäusern. – »Laß dich nicht erwischen!« war ein Gebot, das obenan im Katechismus des Baldamus Eik stand, und da er es verstand, diese Lehre mit dem, was Kirche und Schule von ihm verlangten, in Einklang zu bringen, so fand sich niemand genötigt, seinem Pflegevater die Augen zu öffnen, ausgenommen der junge Hauslehrer vor vielen Jahren, der denn auch umgehend »flog«.
An all dieses dachte Herr Bertold Eik, wenn er in der Mittagsstunde seinen Spaziergang machte. Er schlief trotz seines hohen Alters niemals nach Tisch, wie er auch Schlafrock und Hausschuhe verachtete und wegen seiner immer noch scharfen, alles Ungehörige sofort entdeckenden Augen in Haus und Fabriken sehr gefürchtet war.
Heute dachte er noch an etwas anderes.
Seit fünfzig Jahren spielte er mit seiner Schwester Adelgunde jeden Abend eine Stunde Schach.
Die Schwarzhausener irrten sich sehr, wenn sie glaubten, Fräulein Adelgunde hätte keine weiteren Interessen als ihre Häkelspitze, die allerdings beinahe um das Fürstentum herumreichte, – sie hatte nur kein Interesse für Kaffee- und Teegesellschaften, für Skandalgeschichten und fahrlässige Verleumdungen, sie besaß aber eine tiefe Heimatliebe, einen Lokalpatriotismus, der weit über alles Maß hinausging, und der sie einst in jungen Jahren alle Bewerber ausschlagen ließ, – sie wollte ihre Geburtsstadt nicht verlassen. Sie liebte Schwarzhausen, wie eine Mutter ihr ungeratenes Kind liebt, denn als solches hatte sich das Städtchen ihr gegenüber immer bewiesen, freilich ahnte es ja auch nicht, wem es sein Krankenhaus, sein Säuglingsheim, seine schönen Anlagen und den bedeutenden jährlichen Zuschuß zum Damenstift verdankte.