Fräulein Adelgundes rechte Hand wußte niemals, was die linke tat, aber das war in Schwarzhausen nicht wohl angebracht. Deshalb liebte Fräulein von Eik mehr als die Mitbürger die Heimaterde, das heilige Fleckchen, darauf sie geboren und darinnen ihre Ahnen schlummerten, sie liebte die dunkeln Tannenwälder und grünen Fichten, die geheimnisvollen Waldwiesen und rauschenden Waldbäche und die muntere, glänzende, heiter-geschwätzige, wilde Gera.

Fräulein Adelgunde zählte fünfundachtzig Jahre, aber ihr Geist war klar, ihre Augen waren durchdringend und scharf, und wenn sie abends dem Bruder zurief: »Schach dem König!« dann klang ihre Stimme beinahe jugendlich und hell.

Hatte sie Herrn Bertold dann, wie es gewöhnlich geschah, matt gesetzt, dann warf sie froh-geschäftig die Figuren zusammen und äußerte wohl: »Gott Lob und Dank! Wenn ich heute nacht sterbe, so habe ich wenigstens die letzte Partie gewonnen!«

Und einmal hatte der Bruder darauf geantwortet: »Die vorletzte! Ob man die letzte Partie gewinnt, das weiß kein Mensch!«

Jedenfalls war dies Schachspiel allabendlich, wenn nicht unaufschiebbare Geschäftsreisen oder ernste Krankheiten dazwischen gekommen waren, seit fünfzig Jahren so wiederkehrend, wie das Amen in der Kirche, und deshalb hatte es denn auch Herrn von Eik stark verblüfft, daß gestern abend die Schwester weder die Figuren aufstellte, noch, als er ihr diese Obliegenheit abgenommen, irgendeinen Schachzug tat.

Tief nachdenklich hatte sie im Sessel gelehnt und zum ersten Male in ihrem Leben statt des Spieles ein absonderliches Gespräch eröffnet.

»Das ist sehr unrecht von dir, Bruder Eik!«

Daß irgend jemand es wagte, ihn, Bertold Eik senior, zur Rede zu stellen, war jedenfalls neu, und deshalb erregte es das Interesse des Alten.

»Was ist unrecht?«

»Ich kenne ja das Kind nicht,« fuhr Fräulein Adelgunde jetzt mit etwas belegter Stimme fort. »Ich will es nicht kennen, wie ich auch deiner Tochter noch meine Schwelle bis jetzt verweigerte. Sie hat das ehrenhafte Haus Eichen durch Flucht verlassen, und ich bin zu alt, um Eichenborn als ein Gasthaus ansehen zu lernen, in das man beliebig zu jeder Stunde kommen oder aus dem man ohne Gottbehüt gehen kann. Das müßt ihr erwachsenen, denkenden Menschen mit euch selbst ausmachen. Aber ich bin Mitglied vom Tierschutzverein, und ebenso hilfsbedürftig, wie die stumme Kreatur, dünken mich Kinder. Und hier bei uns im Eichenborn wird eins gequält, – das ist sehr unrecht von dir, Bruder.«