»Ich quäle keine Kinder,« war die rauhe Erwiderung.
Mit einem einzigen Griff hatte Fräulein Adelgunde alle aufgestellten Figuren umgeworfen. Damit zeigte sie, daß das Spiel ihr heute völlig verleidet sei.
»Du tust es!« entgegnete sie fest. »Nie kommt ein anderes Kind in unser stilles Haus, dein Enkel hat keinen Umgang als seine Mutter, die mehr Tränen als Lachen kennen gelernt hat. – Du hältst dem Knaben kein Pferd, und nie sah ich ihn im Hofe turnen oder spielen oder auf dem See rudern; die Schwimmanstalt am Ende des Parkes ist verfallen, weil Baldamus ein Weichling und du zu alt bist, – – hast du dir denn schon einmal überlegt, Bertold, daß dieses Kind der Letzte unseres Stammes ist? Weißt du etwas von ihm? Was hat er für Anlagen? Was für Eigenheiten? Hat er das Talent seines Vaters geerbt? Oder nur schlechte Anlagen von ihm? Liebt er dich und die Familienüberlieferungen unseres Hauses? Wird er in unser ehrbares, philisterhaftes Gefüge passen, oder –«
Wie scharfe Hiebe waren diese Fragen der alten Schwester auf den Herrn des Hauses gefallen und hatten einen seiner heftigsten Zornanfälle hervorgerufen. Aber dieser Anfall hatte gar keinen Eindruck auf Fräulein Adelgunde gemacht, – sie legte die Schachfiguren in den alten, wunderbar eingelegten und geschnitzten Kasten, und dann war sie mit der eindringlichen Mahnung: »Besinne dich, Bruder – – auf dich und unser altes Haus!« in ihr Schlafgemach gegangen.
Das fand Herr Eik von Eichen abscheulich von der Schwester, denn er selbst hatte natürlich kein Auge zugetan, und die ganze Nacht hindurch wie auch den heutigen Tag hatte ihn die Frage verfolgt: »Denkst du daran, daß er der Letzte unseres Stammes ist?«
Über Baldamus, der ja noch in den besten Jahren stand, war die Schwester einfach hinweggegangen.
Er war ihr sein Leben lang unsympathisch und fremd geblieben, und manchmal hatte auch Herr Bertold Eik an ein Kuckucksei denken müssen, denn die Vereinigung von böser Lust und Muckertum war bisher unbekannt in der Geschichte des Hauses gewesen.
Und daß niemand aus der weiteren Verwandtschaft, niemand aus seinem Fabrikbereich, niemand von den maßgebenden Persönlichkeiten in der Stadt selbst ahnte, daß Herr Baldamus nicht ganz der Erzengel Gabriel war, für den man ihn hielt, – das hatte den alten, grimmen Eik oft höhnisch und überhebend lachen lassen. Er war sich ja über sich selbst nicht klar.
Er wußte nicht, daß er selbst den einst so geliebten Pflegesohn noch immer viel zu hoch einschätzte, – wie hätte er sonst auch nur einen Gedanken an seinen ehemaligen Plan verschwenden können, seine Tochter Franziska mit seinem Neffen Baldamus Eik zu vermählen, – eine Hoffnung zu nähren für seine letzten Tage, daß der Name Eik von Eichen in aller Reinheit der Rasse neu erstehen könne.