Mit schweren, wuchtigen Schritten ging der Greis den schmalen, tannenbestandenen Weg entlang, der zu einem kleinen Tempelchen führte, von welchem man einen schönen Blick auf die Berge, Wiesen, Wälder und den Fluß hatte. Dieser steinerne Tempel hatte auf die Kinderspiele von Generationen Eiks hinabgeschaut, – die Chronik erzählte von Kinderbällen und Theateraufführungen, von Festgelagen der Stadt- und Dorfjugend, sogar von dem Besuche eines jungen königlichen Prinzen bei den Eiks, und so wenig sentimental der grimme Bertold Eik auch veranlagt war, er wußte, daß bei diesem altersgrauen Tempel immer etwas wie Heimatgefühl über ihn kam, weil seine Kindheit sich unter den Augen einer guten, sorglichen Mutter dort abgespielt hatte.
Ein schmaler Weg mündete von den Anlagen des Damenstiftes her an dem Tempel, aber er wurde beinahe nie begangen, denn die adligen Jungfrauen hatten eine wahre Dornröschenhecke um ihre Burg wachsen lassen, und nur wenige von ihnen wußten noch um den Weg, den einst Adelgunde von Eik und Hermine von Windemuth, eine Großtante der kleinen Liselotte, angelegt, als sie noch junge, reizende Mädchen voll glühender Freundschaftsgefühle gewesen waren. Jetzt war der Weg moosbewachsen und durch überhängende Zweige beinahe unkenntlich geworden, nur sehr schmale Füßchen konnten ihn durchwandeln und sehr schmale Persönchen: wie es auch damals die feingliedrige Hermine von Windemuth gewesen, der die erste, bewundernde Liebe des Bertold Eik senior gegolten.
Schmal und fein war auch das goldlockige Mädchen, das heute diesen Weg entlang geschlüpft war und – nun auf der Korbbank des Tempels saß, mit großen, trotzigen Blauaugen auf ein Bündel schauend, das in seinem Schoß lag.
Liselotte bemerkte kaum das Herannahen des alten Herrn, der unhörbar auf dem weichen Moose daherschritt, und als sein großer Schatten in den Raum fiel, erhob es erschrocken den Kopf.
»Ach du bist’s,« meinte Liselotte dann aber ganz ruhig, »ich glaubte schon, es sei der schreckliche Kerl.«
»Wer ist denn das?« fragte Herr von Eik und wunderte sich selbst, daß er sich mit der Kleinen in ein Gespräch einließ, aber dies Kind hatte die Windemuthschen Augen, und er sah gern in sie hinein.
»Eigentlich bist du es ja,« entgegnete Liselotte gleichmütig, »aber ich nenne den Herrn Baldamus so.«
Eik senior lachte heiser. »Und wer nennt mich so?« fragte er rauh.
»O – alle! Die Base Juliane und die Trine und die Frau Postverwalter und die Eiermale und der Briefträger und – –«
Liselotte streckte ihm plötzlich die Hand hin. »Ich hab’ dich nie so genannt,« versicherte sie treuherzig, »ich fürchte mich auch gar nicht vor dir, du darfst dich gern neben mich auf die Bank setzen, du störst mich nicht.«