»Woher kennst du denn diesen Platz?« fragte der alte Herr, und da er ein leises Kribbeln in seinem linken Arm wahrnahm, bettete er Puppe Emmy in seinen rechten, welche Tätigkeit ein ganz süßes, mütterliches Lächeln auf Liselottes Gesichtchen zauberte.
»Diesen Tempel? – Da hat mir zuerst Großtante Hermine davon erzählt,« beantwortete sie jetzt die Frage. »Auch von dir hat sie mir erzählt, lauter so gute, schöne Sachen, wie du früher warst vor hundert Jahren, und dann brachte ich ihr auch mal den Bertold. Da meinte sie, das wäre auf und nieder dein Ebenbild, – sie hatte auch so’n närrischen Namen für ihn, den lernten Bertold und ich auswendig: ›Schewalliee ßang Pör ang Minniatür‹.«
»So? Hm!«
»Ja und dann fragten wir sie, was das auf Deutsch wäre, – ein Ritter ohne Furcht und Tadel, aber nicht so’n großer, wie du, sondern ein winziger. Das war doch nett von ihr, nicht wahr, Herr von Eik? Ich habe ihr auch nicht erzählt, daß du dem Diener manchmal die Feuerschaufel an den Kopf geworfen hast und so viele Gläser.«
Mit einem einzigen Ruck stand der alte Herr auf, und Puppe Emmy flog auf den Boden. Ein Wehschrei ertönte, und jetzt sah ein blasses, zorniges Gesichtchen den Schloßherrn an.
»Du hast es wohl gar mit Willen getan?« fragte ein ungläubiges, bebendes Stimmchen. »Ja, ist denn das möglich? So ein armes, krankes Emmylein auf die Erde zu ballern? Mit ohne Kopf und Sägspänenentzündung? I, da glaub’ ich aber nun auch, daß du ein – – –«
Herr von Eik sah mit unbeschreiblichem Ausdruck auf das Kind nieder, und in seinem Blick mußte etwas liegen, was dieses unerschrockene Persönchen zwang, seinen Satz unvollendet zu lassen. Hastig nahm es die mißhandelte Puppe auf den Schoß und begann, sie kunstgerecht aufzuwickeln. »Natürlich,« – meinte Liselotte verlegen-sachverständig, »naß ist sie auch, – natürlich, bei der Aufregung, – sie tut es sonst nie.«
Rasch wurde dem Puppenwagen anderes Weißzeug entnommen und das Püppchen trocken gelegt.
Wie lange war es her, seit Herr von Eik senior solch weiche Kinderlaute gehört, solch zarte Fingerchen hantieren sah! – Seine Franziska, ja die war auch solch Puppenmütterchen gewesen, und hier am Tempel hatte sie halbe Tage lang gespielt und mit der eigenen Mutter ihre kleinen Sorgen und großen Freuden besprochen. Nie mit ihm, dem Vater. Er hatte immer nur zürnend oder spöttisch ihr gegenüber gestanden und kein Verständnis für Kinderlachen und Kindertränen gezeigt. Und als die Mutter starb, da lag alles kindliche Vertrauen mit in dem schwarzen Schrein, darin man sie begrub, und Vater und Kind waren arm und einsam. Zwar kam die Liebe und das Vertrauen wieder, aber das wurde dann dem fremden Manne geschenkt, mit dem sein Kind entfloh.
Vielleicht waren es alle diese schweren, so plötzlich auf den alten Eik hereinstürmenden Gedanken, daß er einen Schritt näher herantrat, den blonden Scheitel der kleinen Zürnenden sacht berührte und mit guter, sanfter Stimme sagte: »Gib her, ich will dein Kind wieder gesund machen.«