Vor seinem geistigen Auge gaukelte immer noch das kleine, zierliche Mädchen mit den mahnenden Blicken: »Vorsichtig, damit Puppe Emmy nicht aufwacht!«

Mit einem Male stand der alte Herr still und horchte.

Es klang wie unterdrücktes Weinen an sein Ohr, jedoch er konnte keine Menschenseele entdecken.

Wieder ging er ein paar Schritte vorwärts und blieb dann abermals lauschend stehen.

»Ist jemand hier?« fragte er halblaut.

Keine Antwort, doch drang das Schluchzen deutlicher zu ihm, was ihn plötzlich veranlaßte, den mächtigen Kleiderschrank zu öffnen, der ihm selbst in seiner fernen Knabenzeit als Unterschlupf gedient hatte. Er fand eine zusammengekauerte Gestalt in der Schranktiefe, und nach ein paar Sekunden stand sein Enkel Bertold vor ihm, und ein vom Weinen verschwollenes Gesicht schaute zu ihm auf. Der Junge sah nicht sehr schön aus in diesem Augenblick, sondern recht gedrückt, kläglich und verzweifelt, und sein Anblick erbitterte den Alten, der gerade eben das hübsche, unerschrockene Mädchen vor sich gehabt hatte.

»Warum heulst du?« fragte er barsch.

»Ich – ich weiß nicht,« – lautete die verzagte Antwort, verbunden mit einem verlegenen Schulterziehen.

»Jammerlappen!« stieß Herr von Eik rauh hervor. Die Abneigung gegen seinen Enkel übermannte ihn förmlich und er fühlte, wie ein sinnloser Zorn in wilden Wogen über ihm zusammenschlagen wollte. Als sei er selbst nicht fünfundsiebzig, sondern fünfundzwanzig Jahre alt, mit solcher Kraft hob er den Knaben hoch und schüttelte ihn derb und ungestüm, so daß die schlanke Gestalt hin und her taumelte. »Jammerlappen! Deiner Lebtage wirst du kein Kerl, – kein Eik von Eichen! – Und sowas ist mein Erbe!«

Der junge Bertold hatte die Lippen zusammengepreßt und sah dem Großvater starr und groß in die Augen.