Da ließ ihn Herr von Eik los und stampfte mit schweren Schritten und keuchendem Atem davon; an Bertolds Kopf aber flog ein Bündel, im höchsten Zorn geworfen, und dann fiel die Eichentür hinter dem alten Herrn ins Schloß und der Knabe stand allein. Mechanisch hob er das Bündel auf, – er zitterte vor Angst, Zorn und Weh.
Herrgott, was war er für ein unglücklicher Junge!
Wie verloren kam er sich vor in dem großen, weiten Hause, – es litt ihn nirgends.
»Sei doch tapfer!« hatte ihn die Mutter ermahnt, mit der er die Aufgaben für Rektor Tüllen zu lösen versuchte, – – doch konnte er nicht sehen noch lesen vor den verdunkelnden Tränen. »Sei doch tapfer, was fehlt dir denn?«
Und zu wem er auch kam, – sei es im Stübchen des Hieronymus oder in der Wohnung des Organisten Brennstoff, – überall ermahnte und fragte man ihn: »Wer wird denn so weinen, – so ein großer Junge!«
O wie er sich schämte! Wie die Schmach brannte, gleich einem Bündel hin und her geschüttelt zu sein, er meinte, ersticken zu müssen vor Zorn über die brutale Behandlung. Aber größer als der Zorn und die Scham war das Weh in seiner Brust, – das wunderliche Etwas, – wie nannte er es? O wenn er doch seine Geige hier hätte! Daß er seinen Jammer in all den Melodien vergessen könnte, die in den Saiten schlummerten, und die er so oft geweckt hatte, wenn er sich einsam fühlte. Aber die Geige war dauernd zu dem Organisten gebracht worden, und nur in dessen Zimmer durfte er spielen, – nie allein mit ihr sein, nie. Wie furchtbar weh das tat! Aber war es die Geige allein, die ihm so schmerzlich fehlte? Wirklich ganz allein die Geige?
Wie aus weiter Ferne hörte Bertold die Laute einer zornigen Kinderstimme: »Nie spiele ich wieder mit dir, nie!«
Das war es. – – –
Mit einem Wehelaut warf sich Bertold auf den harten Fußboden und stöhnte in das Bündel hinein, das ihm der harte Großvater in ausbrechendem Jähzorn an den Kopf geworfen hatte.
Aber von dem Bündel ging etwas Seltsames aus, ein Duft, den der Knabe kannte und den er jetzt spürend und begierig einsog. Alle Arzeneien und Belebungsmittel, deren Liselotte in ihrem jungen Leben habhaft werden konnte, besonders Baldriantropfen, Kamillentee und Eau de Cologne, hatte sie verschwenderisch über Puppe Emmy ausgegossen, und an diesem Duft erkannte Bertold mit einem Schlage, was da vom Himmel herunter gefallen war.