Ja, vom Himmel. – Vergessen war der Großvater und sein Jähzorn, vergessen die schmähliche Behandlung, vergessen selbst die Geige – – »Puppe Emmy!« sprach der Junge laut, und eine heiße Zärtlichkeit lag in den zwei Worten verborgen und eine feste Zuversicht, als ob ja nun alles gut werden müsse.
Er erhob sich vom Boden, versicherte sich noch einmal am hellen Fenster, daß er wirklich das liebste Eigentum der verlorenen Gespielin in seinen Händen halte, schob dann die Puppe in seine weite Knabenbluse und atmete tief auf.
Wo sollte er das Kleinod verbergen? Denn daß er es nicht wieder heraus gab, stand ganz fest bei ihm. Er fragte sich gar nicht, wie das Bündel in seines Großvaters Hand gelangt war, – – es war ihm in seiner weichen Stimmung lieb, an ein Wunder zu glauben. –
Aber er zermarterte nun seinen Kopf, ein dauerndes Versteck ausfindig zu machen, wo er doch ab und zu hingelangen konnte, um das Bündel zu sehen. Der Boden! Das war ein Gedanke! Auf seinen Streifzügen war er in die verschiedensten Regionen gekommen, aber vor dem Boden hatte er sich immer noch etwas gescheut. Denn an der Bodendecke prangte ein unheimliches, mächtiges Bild in düster-bunten Farben, den großen Christopher darstellend – – er sah das Bild, wenn er den Kopf weit zurückbog und in die Höhe blickte.
Heute fühlte er keine Angst.
Puppe Emmy war wie ein Talisman, – ein Amulett, das ihn vor allem Bösen schützen mußte.
Sinnend, lächelnd und glücklich stieg der Knabe die Treppen in die Höhe, aber er erreichte den Oberboden nicht, er verirrte sich in andere, weite Gänge, in nie zuvor gesehene Säle und Zimmer, auf hallende, von schön und seltsam geschnitzten Geländern umgebene Treppen und in unzählige geheimnisvolle, dunkle Winkel.
Endlich geriet er auch wieder auf weiche Teppiche, die seinen Schritt dämpften, er sah lichte Fenster- und dunkle Türvorhänge und entdeckte schöne, farbenprächtige Bilder an den Flurwänden. Eine große, weiße Katze strich an ihm vorbei, und als er sie anrief, rieb sie sich zärtlich an seinem Körper. Das Wunderbarste aber war, daß ihm jemand aus einem der verschlossenen Zimmer »Bertold! Bertold!« zurief.
Er klopfte bescheidentlich an und trat ein.
Zuerst sah er nur einen großen, grauen Papagei, der sich schwatzend und kreischend in seinem Ringe schaukelte, dann gewahrte er in dem behaglichen Raume einen teppichbelegten, altmodischen Tritt, auf diesem ein in voller Bewegung befindliches Spinnrad, und davor – – – das konnte nur die alte Spinnerin aus Dornröschens Zauberschloß sein. Etwas wie Furcht beschlich ihn, aber er bezwang sich tapfer. »Haben Sie mich gerufen?« fragte er höflich und mit tiefer Verbeugung. Die graue, etwas gebückte Gestalt, die so eifrig spann, sah ihn forschend an. –