Die Achtzigjährige wurde ganz lebhaft, – sie trippelte zu dem hellen Mahagonispinett und öffnete es feierlich. »Mach’ noch einmal eine tiefe Verbeugung, kleiner Bertold, denn auf diesem Instrument hat – Beethoven gespielt.«
Der Junge atmete tief auf. Immer noch meinte er, alles müsse vor seinen Augen plötzlich verschwinden, – es war zu wunderseltsam, was er erlebte. Ungestüm warf er beide Arme um den Hals der alten Dame, daß sie sogar ein wenig taumelte.
»Ei, ei,« mahnte sie, »du ungestümer Eik! So sind und so waren sie eben auch alle. Aber ungestüm und musikalisch darfst du sein, wenn du nur nicht jähzornig bist,« setzte sie leise hinzu, indessen doch laut genug, daß Bertold sie verstanden hatte. Er erblaßte bis in die Lippen. »Schließ das Beethovenspinettchen!« bat er schmerzlich. »Ich – ich verdiene nicht, drauf zu spielen.« – – –
Der Abend brach herein. Mit einem zärtlichen »Gott behüt« wurde der Junge entlassen unter dem feierlichen Bedeuten, sein Mütterchen aufzufordern, sie möchte Großtante Adelgunde besuchen. Dann schritt er all die Gänge, Treppen und Treppchen wieder zurück bis zu dem Seitenflügel, den er und seine Mutter bewohnten.
Lange saß er noch mit Mutter Franziska in eifriger, zärtlicher Zwiesprache zusammen, und dann brachte sie ihn zu Bett und betete dankbar mit ihm. Unter seinem Kopfkissen aber lag, ohne daß es eine Menschenseele außer ihm selbst ahnte, ein schmutzig-weißes Bündel, und vielmals in der mondhellen Sommernacht zog er es hervor, um die geliebte Puppe Emmy ohne Kopf anzuschauen und sich zu vergewissern, daß dieser Gruß und Augentrost wirklich bei ihm sei. – Bis ihm nach all den aufregenden Sachen am heutigen Tage die müden Augen zufielen. –
Gegen Abend des nächsten Tages schritt Frau Franziska über Gänge und Treppen des Vaterhauses denselben Weg, den Jung-Bertold zurückgelegt. Sie aber kannte jedes Winkelchen, und aus jedem Eckchen schaute sie die Erinnerung an.
Das ernste Zürnen von Großtante Adelgunde hatte ihr schmerzlich weh getan, kaum wollte sie die liebe, freudige Botschaft aus dem Munde ihres Jungen als richtig ansehen.
So klopfte sie nur zaghaft an, aber auch ihr erschien der Ruf des grauen Papageis als eine günstige Vorbedeutung. Still öffnete sich die Tür, so als ob jemand schon lange, lange dahinter gestanden und auf ihren Schritt gewartet habe, – still öffneten sich zwei alte Arme, und das alte, dazugehörende Herz hatte wohl schon längst offen gestanden und sich nur noch etwas gewehrt, das auffordernde »Herein« laut zu rufen.
Die Liebe zu Jung-Bertold überbrückte auch lückenlos die große Kluft, welche die Flucht der Nichte vor Jahren gerissen, Tante Adelgunde dachte nicht mehr an Unrecht und Schmach, sie dachte nur an das Leid, das Frau Franziska getroffen, und das wollte sie jetzt mit ihren schwachen Kräften in Sonnenschein wandeln.