Liselotte Windemuth führte ein recht einsames Dasein.
Der Professor lebte mit seinen Büchern, Base Juliane mit ihren Kochtöpfen, und so kam es, daß Liselotte nur auf die Schule, auf Herrn Rektor Tüllen, auf ihre Schulkameraden und ihre Puppen angewiesen war.
Unter den Schulgespielen hatte sie keinen Freund und keine Freundin.
Sie war zu eigenartig, das kleine Ding, und nichts verzeiht eine Kleinstadt weniger als Eigenart.
Liselotte ließ sich in keine Schwarzhausener Schablone pressen, und niemand wußte etwas mit ihr anzufangen. Ihre unerschrockene Offenheit und Wahrheitsliebe, ihre wißbegierige Fragelust, – das waren lauter unbequeme Dinge für die Mitbürger und deren Sprößlinge. Man lachte wohl laut und anhaltend über ihre närrischen Einfälle und Fragen, aber weit öfter ärgerte man sich darüber und schalt; auch Base Juliane war mehr grillig und grimmig mit dem Kinde, als liebenswürdig.
Ab und an, wenn der Professor Windemuth in seinen Arbeiten auf einen toten Punkt geriet und eine kleine Rast halten mußte, fiel ihm wohl sein kleines Töchterchen ein. Befand es sich gerade in der Schule, so rief er Base Juliane und fragte, wie es dem Kinde ginge und ob es auch ja alles empfange an Körperpflege, wie es die verstorbene Mutter bestimmt.
Über diese Fragen empörte sich aber die Base immer weidlich.
»Wie eine Prinzessin hat sie’s,« – das war gewöhnlich die Antwort, »der Vetter braucht ja nur zu gucken, wie sauber und ordentlich ich das Kind halte, – eine leichte Arbeit ist’s nicht bei dem Quirlefitsch. Und gesund ist’s auch alleweil, – dafür bin ich da und der Herr Doktor.«
So war der Professor beruhigt. Doktor Hempel war ein Mann der alten Schule, recht für Schwarzhausen geboren. Er arbeitete mit altbewährten Mitteln, bei den Erwachsenen mit Schröpfköpfen, Aderlässen und Kamillentee, bei Kindern mit Wurmpulver und »Kurella«, und jedes Frühjahr, wenn die Hausfrauen »reinegemacht« hatten und auf ihren Lorbeeren ausruhten, benutzte Doktor Hempel diese Ruhezeit und unterzog sämtliche Mitbürger einer Reinigungskur, wonach sie sehr abgemattet und zahm wurden und manches für die Stadt bewilligten, was sonst noch gute Weile gehabt hätte. –
Ja, Professor Windemuth sah es, seine Liselotte war ein gesundes, blühendes, schönes Kind, und ihr lockenumrahmtes, blondes Köpfchen mit den blauen, tiefen Schelmenaugen, die doch auch wieder so ernst blicken konnten, wurde der verstorbenen Mutter immer ähnlicher.