Daß sein Kind geistige Nahrung entbehren könne, kam dem Manne nicht in den Sinn. Ja, wäre Liselotte sein heißersehnter Knabe gewesen! – Aber Mädchen blieben ja zu Hause, kochten, strickten und – wurden geheiratet.
So stillte denn Liselotte ihren geistigen Hunger durch Lesen, und sie las bunt durcheinander, was ihr in den Weg kam, sie las aber auch hauptsächlich immer wieder, was in dem Bücherschränkchen der heimgegangenen Mutter steckte, und das war gut. Und sie las mit großem Eifer, was der sorgende, wachsame Rektor Tüllen in ihre kleine Hand legte, und das war noch besser. –
Was Liselotte gelesen, das erzählte sie gern wieder, und da Base Juliane und der Professor nie Zeit für sie hatten, so erzählte sie es ihren Puppen und wurde dadurch altklug und etwas selbstherrlich, denn die Puppen widersprachen ihr niemals.
Seit dem Erlebnis mit dem »schlechten Kerl«, wie sie innerlich den bösen, alten Herrn nannte, war Liselotte recht nachdenklich geworden, so daß es selbst Base Juliane auffiel.
»Ist dir nicht extra?« fragte sie das Kind wohl zehnmal am Tage, »du hast gewiß Würmer.«
»Es kann schon sein,« bestätigte Liselotte, denn sie aß Zitwersamen mit Sirup recht gern. Und während sie das Kindertäßchen mit dem braunen Saft auslöffelte, hatte sie eine eingehende Unterredung mit Base Juliane.
»Darf man Müttern ihre Kinder einfach wegnehmen, wenn man groß ist, Base Juliane?«
»Hm! Das ist eigentlich noch nichts für dich, Kind. Aber sowas gibt es. Die Leute haben sich dann lieb und heiraten sich.«
»Weißt du das ganz sicher, Base Juliane?«
»Freilich, du Dreikäshoch.«