Sie beschloß, umgehend dem Herrn des Hauses Mitteilung von dem eben Erlebten zu machen, während Liselotte eilig das Haus verließ und sich auf ihr stilles Plätzchen, zu dem Tempelchen im Park Eichenborn, begab.

Friedlich lag der Spielplatz da, – goldene Sonnenlichtchen tanzten auf den Zweigen der Tannen, und ein köstlich-herber Harzduft füllte rings den Platz. Liselottchen fuhr schnuppernd mit ihrem feinen Näschen in der Luft umher.

»O wie gut riecht es hier, wie gut!« meinte sie anerkennend zu sich selbst, und den Puppen rief sie zu: »Kinder, sperrt die Nasenlöcher auf, – es ist ja zu gesund!«

Rasch strebte sie der Steinbank zu, um ihre Kleinen darauf zu verteilen und eine große »Bettensömmerung« vorzunehmen, aber zu ihrem höchsten Erstaunen fand sie das Rundteil bereits von einer Persönlichkeit besetzt, die ihr mit weit aufgerissenen und doch ziemlich ausdruckslosen Augen entgegensah.

»Was ist denn das?« fragte Liselotte laut und sah sich nach allen Seiten um, ob wohl jemand zu der Balldame gehöre, denn als solche erwies sich die sehr große, majestätische Puppe, die da auf der Steinbank mit tief ausgeschnittenem und weit ausgebreitetem Staatskleide lehnte.

Niemand war ringsum zu sehen, nur Liselottes Puppenkinder schauten auf den fremden Eindringling hin.

»Kannst du nicht antworten?« fuhr Liselotte ihn an. – Auch nicht das geringste Gefühl der Zuneigung zog sie zu der feinen Dame hin, und so verschmähte sie es auch, auf ihre Frage selbst Antwort zu geben, wie sie es sonst immer mit ihren Lieblingen tat.

Am Staatskleide der Puppe steckte ein Zettel mit den Worten: »Diese Puppe soll Liselotte Windemuth gehören.«

Die Kleine entzifferte ihn mühelos, aber in ihrem Gesichtchen veränderte sich kein Zug. »Wer schickt dich?« fragte sie noch einmal, und als die Puppe nicht antwortete, sondern dumm weiter stierte, sagte ihr Liselotte ehrlich und zornig die Meinung:

»Du bist furchtbar häßlich. Ich mag dich gar nicht. O Gott, wenn ich denke, wie schön meine Puppe Emmy ohne Kopf war. Wie ihr alles gut stand! Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll! Du versperrst nur den Platz, und ich will doch Betten sömmern. Pfui, was für ’n ausgeschnittenes Kleid! Ich hab’ mal heimlich zum Hoffenster reingesehen, wie Fräulein Ziddelmann auf den Ball ging. Base Juliane sagte, ein Christenmensch müßte sich tot schämen. So siehst du aus. So sprich doch! Kannst du nicht? Willst du nicht? Bist du am Ende schon tot und willst es nur nicht sagen?«