»Wie du aussiehst,« rief Herr von Eik vorwurfsvoll, »die Base Juliane wird sich freuen – – –«
Liselotte sah ihn mürrisch an. »Nein, die freut sich nicht, wenn ich schmutzig bin,« gab sie zur Antwort.
»Du bist ein närrisches Ding!« meinte der alte Herr kopfschüttelnd. »Komm, setze dich zu mir auf die Steinbank dort, da will ich dir etwas Schönes zeigen, – das soll dir gehören, – weil die Puppe Emmy verloren ist – weißt du – die alte, häßliche, kranke Puppe Emmy ohne Kopf – – – da, – ich habe dir eine wunderschöne, neue Puppe gekauft –«
Herr von Eik wandte sich sehr verlegen zur Steinbank, denn ihm selbst war seine Rolle als Beschützer und Beglücker kleiner, puppenspielender Kinder neu, – doch die Bank war leer, keine neue, feine, teure Puppe weit und breit, aber vor ihm stand mit schmerzlich verzogenem, schmutzigem Gesichtchen ein zartgliedriges, lebendiges Püppchen, das warf beide Arme über die harte Steinbank und verbarg laut weinend das Gesicht darein: »O meine Puppe Emmy, meine liebe, einzige, schöne Puppe Emmy!!!«
»Immer dasselbe Lied!« stieß Herr von Eik hervor. »Was bist du für ein sonderbares, unbändiges Kind! Wenn ich nur wüßte, wo die neue ist? Ich habe sie vorhin selbst hergesetzt.«
»Da!« schluchzte Liselotte und wies nur eben mit dem Kopf nach der Begräbnisstätte.
Herr von Eik ging mit schweren Schritten nach dem schwarzen Erdhügel, und sein wuchtiger Stock schaufelte und bohrte in der Erde, bis er nach einer Weile ein Stückchen blaue Seide entdeckte, – das arg zugerichtete Staatskleid der begrabenen Balldame. Rasch schaufelte er sie wieder zu und kehrte mit finsterem Antlitz zu der heftig Weinenden zurück.
»Warum tatest du das?« fragte er mit heiserer Stimme.
»Weil ich sie nicht lieb habe,« brach das Kind leidenschaftlich los. »Weil sie dumm und häßlich und tot war. O du hast mir meine schöne, süße, lebendige Emmy gestohlen und die garstige Balldame hingelegt! Tot und häßlich war sie und deshalb habe ich sie beerdigt.« –
In fliegender Eile raffte Liselotte ihre Püppchen zusammen, man sah es ihr an, ihr kleines Herz zitterte vor Angst, der große, harte, böse Mann könnte sich an ihnen vergreifen. Dann fuhr sie, immer noch bitterlich schluchzend, mit ihnen davon, ohne auch nur noch einen Blick zurückzuwerfen. Auch Herr von Eik schritt langsam den Weg nach seinem düsteren Hause zurück. Ein seltsames, bitteres Lächeln lag um seinen Mund. »Tot und häßlich« hatte dieses Kind sein farbenprächtiges, leuchtendes Geschenk genannt. Tot und häßlich hatte ihn auch gestern seine Vergangenheit angestarrt, – aber er konnte sie nicht so verblüffend einfach beseitigen und begraben, wie dies mutige, kleine Mädchen es vorhin getan, und für ihn gab es keine »goldene Abendsonne« mehr. – – –