Die Pastorin lächelte.

»Meinen Sie, daß ich Augen und Ohren von Berufs wegen schließe?« fragte sie mit feinem Spott. »Und sollte es nicht der Beruf jeder Frau sein, Gutes zu reden und erst einmal das Beste von jedem Menschen anzunehmen?«

»Bitte, Frau Pfarrerin, zeigen Sie uns bei dieser Geschichte das Gute!« rief die Bürgermeisterin aufgeregt. »Sie können es einfach nicht, denn es ist nicht vorhanden. Aus reiner Schlechtigkeit und Bosheit hat dieser Bertold Malcroix, genannt Eik, den von uns allgemein so verehrten Herrn Baldamus schwer verletzt – – –«

»Ich bitte mich von der Allgemeinheit auszunehmen, – ich verehre den Herrn nicht,« rief Frau Doktor Hempel kampfesmutig dazwischen.

»Und offenbare Schlechtigkeit gut nennen, das kann eben nur ein Pfarrer,« schloß die Bürgermeisterin.

Logik war nie ihre Stärke gewesen und bei dem hellen Ärger, in dem sie sich augenblicklich befand, besann sie sich überhaupt nicht auf ihre Worte.

Frau Pfarrer Klingenreuter war rot geworden.

»Ei ei,« meinte sie dann. »Ich glaube, wirklicher Schlechtigkeit und Bosheit gegenüber darf jeder Mensch, also auch jeder Pfarrer in ehrlichen, heiligen Zorn geraten. Hier handelt es sich aber gar nicht darum. Und das Gute kann ich Ihnen nicht zeigen, weil es nicht auf der Oberfläche liegt. Es ist aber tatsächlich vorhanden. Selig sind die, die da nicht sehen und doch glauben.«

Die Bürgermeisterin stieß unter dem Tisch die Frau Postverwalter an und beide Damen verbargen darauf ein überlegenes Lächeln hinter ihren Spitzentaschentüchern.

Natürlich, wenn die Pfarrerin mit Bibelsprüchen kam, – da mußte man schweigen. Man war ja freilich ein beglaubigter Christ, getauft, konfirmiert und kirchlich getraut, aber – – Bibelsprüche waren doch mehr für einfache Leute.