Die unbeirrte Zukunftszuversicht, die Harmlosigkeit der jüdischen öffentlichen Meinung über „Sein oder Nichtsein”, das mangelhafte Vorstellungsvermögen der Situation erinnert an unzählige Parallelen in der Geschichte, an die unbedingte Siegeszuversicht des Deutschen Volkes, das noch 1918 über eine Welt von Feinden zu triumphieren glaubte, oder aus den vergangenen Tagen des jüdischen Volkes an die Vorgänge im belagerten Jerusalem, in dem die Juden mehr auf ihren guten Stern als auf ihre lebendigen Kräfte bauten.
Ein Volk kann sich ebensowenig wie der Einzelne immer Reflexionen über seine Existenz-Berechtigung und seine Existenzmöglichkeiten hingeben. Das cogito ergo sum ist ein philosophischer Satz, belastet mit all den Schwächen der Spekulation, und eine reale, wenn auch nur relative Wahrheit. Aber in Zeiten, wo das Barometer auf Sturm zeigt, können Steuermann und Kapitän nicht gemütlich die Vorkehrungen, die für schönes Wetter getroffen sind, beibehalten. Ihr Schifflein dürfte sonst leicht Schaden erleiden und ihre Schuld würde selbst ihr eigener Tod nicht mildern.
Die deutsche Judenheit ist sich des tödlichen Keimes ihrer Erkrankung nicht bewußt. Früher mochte Unkenntnis entschuldigen, daß ihre Führer der kardinalen Existenz-Frage nicht näher traten. Nach dem Erscheinen des „Untergang” haben sie die von mir geschilderte Entwicklung in ihrer Tendenz als falsch abgelehnt und die Deduktion als irrtümlich zurückgewiesen. Es besteht dabei sicher ein tiefgehender Spalt in den Massen, zwischen denen, die Morgenluft wittern und ihre innere Gebundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft lösen, und jenen, die von jüdischen Erinnerungen, Instinkten und jüdischem Wissen angefüllt ihren persönlichen starken Gemeinschaftswillen als allgemeine psychische Stimmung der ganzen Judenheit unterlegen.
Es lohnt sich nicht, Dokumente, in denen sich alle Unkenntnis in Begriffsverwirrung auflöst, zu zitieren. Nur die Aussagen der Führer seien zitiert. Denn sie sind der offizielle Ausdruck der jüdischen Gemeinschaft. Sie bezeugen, daß man noch heute in Verkennung der Lage sich kein Bild der Entwicklung geschaffen hat und mit offenen, aber nicht rezeptierenden Augen dem Strudel des Untergangs entgegentreibt. Um Selbstverständliches zu klären: In diesem Buch wird einzig das Schicksal der deutschen Juden der Untersuchung unterworfen — nicht das Schicksal des jüdischen Volkes in seiner Totalität. Ob auch dieses ähnlichen Erschütterungen entgegengeht, wird hier nicht behandelt, geschweige gelöst. Die Führer der jüdischen Oeffentlichkeit haben in der leichtfertigen Behandlung der Frage sich die Widerlegung recht bequem gemacht, indem sie nicht auf die Fragestellung, nämlich den Untergang der deutschen Juden, eingingen.
Hören wir die Vertreter der deutschen Juden selbst an. Bald nach dem Erscheinen dieses Buches versammelte sich der „Verband der deutschen Juden” zu einer Tagung. Bei dieser Veranlassung hielt der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlins, Geheimrat Dr. Stern eine Rede, die außerdem gedruckt im Amtsblatt der jüdischen Gemeinde Berlins allen Gemeindemitgliedern zuging und folgenden Wortlaut hatte:
„Einer unserer Rabbiner hat an einem letztverflossenen Feiertage auf der Kanzel die Frage aufgeworfen, ob irgend Gründe für die Befürchtung da seien, dass das deutsche Judentum, wie es ihm in neuerer Zeit prophezeit wird, seinem Untergang zusteure. Er hat darauf hingewiesen, dass manche Gelehrte auf Grund wissenschaftlicher Forschungen an Hand der Statistik und unter Zuhilfenahme anderweitiger symptomatischer Anzeichen und Erscheinungen, beispielsweise der stetigen Zunahme der Mischehen, zu dem Ergebnis gelangt sind, dass das deutsche Judentum seiner allmählichen, aber sicheren Auflösung entgegen gehe, einem unaufhaltsamem Untergange geweiht sei. Der Rabbiner hat vom theologischen Standpunkt aus diese Auffassung sich nicht zu eigen gemacht, hat vielmehr diese traurige und trübe Vorhersage auf das Entschiedenste bekämpft. Das auserwählte Volk, auserwählt, um seit Jahrtausenden Verfolgung, Hass und Unterdrückung zu erdulden, hatte immer wieder die Kraft und die Stärke gefunden, sein Martyrium allen Anfeindungen und Angriffen zum Trotz mannhaft zu überwinden. Es habe zu allen Zeiten über Propheten und führende Geister verfügt, die das Panier, auf dem in unauslöschlichen, flammenden Zeichen der Monotheismus und die schrankenlose Betätigung der Nächstenliebe hell erstrahlen, immer wieder siegreich aufpflanzten.
Und wenn ich in dieser Stunde die gleiche Frage mir vorlege: wird das deutsche Judentum untergehen? so trage auch ich vom Laienstandpunkte aus keinen Augenblick Bedenken, diese Frage rückhaltslos zu verneinen. Ich setze dieser brennenden Frage ein dreimaliges kräftiges Nein entgegen, wenn ich meinen Blick über diese Tafelreihen schweifen lasse und mit Bewunderung, Freude, Stolz und Genugtuung feststelle, dass Hunderte von Männern aus den angesehensten und hervorragendsten Berufs- und Lebensstellungen, Leuchten der Wissenschaft, führende Künstler, Phönixe des Handels, Pfadfinder der Industrie, Bahnbrecher der Technik, hier vereinigt sind, als die berufenen Vertreter der deutschen Juden und ihrer Interessen. Unwillkürlich drängt sich mir angesichts dieses höchst erfreulichen Bildes des Psalmisten Wort auf die Lippen. Nimmer rastet noch schlummert der gute Genius Israels.”
Der „Israelit”, das führende Blatt der gesetzestreuen Juden Deutschlands, anerkannte zwar den Ernst der Situation und maß dem „Kassandrarufer der Statistik” mehr Bedeutung bei. Gleichwohl findet sich auch hier (in der Besprechung des „Untergangs”) folgender Passus:
„Derselbe Gott, der die Existenz seines Volkes an seine Gesetzestreue geknüpft und ihm die Alternative gestellt hat, für die Thora zu leben oder unterzugehen, hat uns auch die tröstliche Verheissung mit auf den Weg gegeben, dass Gott sein Volk nicht fahren lässt und sein Erbe nicht preisgibt ... Die Schrecknisse der Auflösungsliteratur schrecken uns nicht.”