Die Anschauungen gesetzestreuer Kreise fanden einen weiteren literarischen Niederschlag in dem orthodoxen Blatte „Die Laubhütte”, welche in der Nr. 52 des Jahres 1911, die Wichtigkeit der Frage zwar anerkannte, aber doch folgenden Schluß ziehen zu müssen glaubte:

„Theilhabers Buch weist mit Recht auf die Gefahren des modernen Judentums hin. Der Titel „Untergang —” ist für einen gläubigen Juden unannehmbar, weil er der göttlichen Verheissung widerspricht. So spricht der Ewige: Wenn mein Bund nicht mehr sein würde mit Tag und Nacht, wenn ich die Gesetze von Himmel und Erde nicht festgesetzt hätte ... dann würde ich auch die Nachkommenschaft Jakobs und meines Dieners verwerfen. (Jeremia.) Du fürchte Dich nicht, mein Knecht Jakob, spricht der Ewige, denn ich bin bei Dir. Sollte ich auch alle Völker zugrunde gehen lassen, unter welchen ich Dich hinweg geführt habe, Dich werde ich nicht zugrunde gehen lassen. Ich werde Dich wohl züchtigen zum Rechte, aufreiben werde ich Dich nicht (Jeremia). Wer an die Offenbarung Gottes glaubt, kann also das Wort „Untergang” nicht gutheissen.”

Die Presse der neologen deutschen Juden lehnte gleichfalls die Richtigkeit meiner Behauptungen ab. Ihre Hauptzeitschrift, „Die allgemeine Zeitung des Judentums”, brachte noch am 2. Januar 1920 einen Artikel, der Jahre vorher das hebräische Leserpublikum im „Haschiloach” aufgeklärt hatte und nunmehr der deutschen Leserschaft nicht vorenthalten werden sollte. Dr. Kaminka kämpft gegen Windmühlen wie ein zweiter Don Quichote. In dem abgelegten Artikel findet sich ein Passus, der immerhin beachtenswert ist und deshalb nicht totgeschwiegen werden soll. Er lautet:

„Die allerwichtigste Vorfrage ist die nach der dynamischen (nicht statistischen) Bedeutung der gezählten Individuen, nach den Quellen der Seelenkraft und der entsprechenden Daseinsmöglichkeit jener Einzelnen, wenn sie noch so gering an Zahl wäre, für welche ihre Zukunft etwas absolut Gesichertes ist, da ihr Daseinswille alles in ihrer Umgebung an Kraft und Bestandsfähigkeit übertrifft. Die numerische Stärke dürfte in solchem Falle mit der moralischen Stärke zu multiplizieren sein.

Es ist ... ein Trugschluss und eine petitio principii, wenn der Massstab irgend eines Stammes oder einer Nationalität in das Judentum gelegt wird, was von jeher eine Gemeinschaft mit einer ganz bestimmten philosophischen Anschauung war, die sich auf die Ewigkeit eingerichtet und nach einem bestimmten Plan in die fernsten Länder hinausgezogen ist, um als Minorität unter allen Völkern durch ihre ethische Ueberlegenheit zu wirken.” —

Vernichtender urteilte die offizielle Besprechung, welche das Centralorgan der zionistischen Bewegung „Die Welt” der Untergangstheorie zu teil werden ließ. S. H. Lieben aus Prag schrieb in der Besprechung des „Untergangs”:

„... Rückkehr zu jüdischen Gesetzen, wie auch Nationalisierung lassen sich nicht in kurzer Zeit erzielen und darum müsste man am Bestand der deutschen Judenheit schier verzweifeln, wären die von Theilhaber ermittelten Daten einwandfrei sicher gestellt. Aber Theilhaber ist aus Liebe zu seinem Volke zu einem Schwarzseher geworden, hat die Zahlen zu traurig gedeutet, wie der bekannte jüdische Statistiker Dr. Jacob Segall im Septemberheft der Zeitschrift „Im Deutschen Reich” eingehend darlegt. Nach Segalls Ansicht ist eine exakte Fruchtbarkeitsstatistik heute noch ein Ding der Unmöglichkeit, da die wissenschaftlichen Vorarbeiten fehlen. Er gesteht wohl zu, dass die Fruchtbarkeit der Deutschen Juden eine höhere hätte sein können, aber er findet, dass Theilhaber sie zu gering veranschlagt, wie er auch die Sterblichkeit der deutschen Juden zu günstig beurteilt. Die geringe Zunahme der jüdischen Bevölkerung findet nach Segall ihre Erklärung in grossen, aus politischen und wirtschaftlichen Ursachen entstandenen Abwanderungen der Juden, die zeitweilig sehr grosse Dimensionen angenommen haben.”

Eine rein sachliche Erwiderung wies die Redaktion der „Welt” zurück. Der Redakteur gestand mir mündlich ausdrücklichst, daß die Untergangstheorie ihm gefährlich erscheine und daß er meiner Entgegnung oder jeder ähnlichen aus diesen politischen Erwägungen keinen Raum geben könne.

Der Vorsitzende des „Verbandes der Deutschen Juden”, einer Zusammenfassung aller großen und der meisten kleinen Gemeinden, Prof. Dr. Kalischer, glaubte gleichfalls die gefährliche Theorie einer Nachrichtung im Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin vom 9. Februar 1912 unterziehen zu müssen. Das Pronuntiamento verriet der Titel „Die Zukunft der Juden”. Ich zitiere aus dem Anfang:

„Man prophezeit uns, namentlich den Juden der westlichen Länder, den Untergang; man hört bereits den Flügelschlag des Todesengels und sieht ihn sein trauriges Werk schon in ungezählten Generationen vollenden. Die Grundlage der Zukunftsschau dieser neuen Seher bilden Zahlen der Statistik, die ein anscheinend trostloses Bild der Zustände innerhalb der Judenheit entrollen, und es sind ohne Zweifel tiefernste Betrachtungen, die daran geknüpft werden und die nicht ungehört verhallen dürfen ... — — —